Notizen

Notizen #1

the last movieEs ging damit los, dass die britische Musikzeitschrift UNCUT, unverzichtbares Organ für den seriösen Musikhörer unserer Zeit, eine Liste mit den 50 Great Lost Movies veröffentlichte, später noch eine mit 50 weiteren Filmen, die die Leser gewählt haben und die derzeit nicht regulär im Handel erhältlich sind, weshalb wir uns auf die Suche machen nach Dennis Hoppers The Last Movie, der 1970 in Peru entstanden und auf Platz 1 der Liste gelandet ist.

Samuel Fuller spielt darin einen Regisseur, der an einem Western arbeitet, aber nur zu Anfang, denn dann dreht er sich zur Kamera, gibt Anweisungen und der Film über die Entstehung eines Films löst sich auf, so wie auch die tatsächlichen Dreharbeiten es offenbar getan haben, was jeder sofort glauben kann, der erfährt, dass Hopper nach Easy Rider von Universal nicht nur ein großes Budget bekam, sondern auch uneingeschränkte künstlerische Freiheit für seinen nächsten Film. Die Idee, der Drehort, die Schauspieler (Peter Fonda, Kris Kristofferson, Thomas Milian, unter anderem, neben Fuller und Hopper selbst), das Geld und die Drogen in großer Höhe: genau so klingen eifrige Missionare, die davon erzählen, wie Filme in einer besseren Welt gemacht werden. Sei dem wie es wolle, die eigentliche Utopie ist die Liste selbst, in der die Aura des Kunstwerks, die Walter Benjamin schon für das Medium Film nicht mehr wahrhaben wollte, gefeiert wird.

Verschollene Platten und Filme sind wie bedrohte Tierarten. Es wird immer schwerer, die letzten Exemplare noch zu finden. Und es gibt kaum noch weiße Flecken auf der Karte, zumindest an den Rändern der Legalität kann man das meiste haben, wenn man unbedingt will. Die Redakteure von UNCUT haben aber konsequent so getan, als lebten ihre Leser in einer Welt ohne Torrent-Börsen, wenn auch nicht ohne Internet und World Wide Web, die als Hilfsmittel bei der Suche zugelassen sind. Die Rechtsgebundenheit eines publizistischen Organs ermöglicht es hier, den Wert von Kunstwerken zu behaupten, vordergründig über Preise für gebrauchte VHS-Kassetten auf ebay oder obskure, kurz nach Erscheinen zurückgezogene DVD-Editionen für den spanischen Markt, jenseits davon durch eine anschauliche Demonstration beschränkter Verfügbarkeit. Gerade die kommerzielle Verwertbarkeit und Ausbeutung künstlerischer Erzeugnisse, in deren Interesse ihre Vervielfältigung überhaupt nur geschieht, schafft hier den Referenzrahmen für eine ästhetische Utopie, denn nur auf dem Markt können die Filme noch verloren gehen. Deshalb gehören zum Nachdenken über verschollene Filme Second-Hand-Anbieter, Programmkinos und Fernsehausstrahlungen zu unattraktiven Sendezeiten, aber nicht Pirate Bay – das ist der Trick bei der Sache, ein Trick der nötig ist, um das Spiel spielen zu können, in dem die oberste Regel lautet, an die Regeln zu glauben, genau wie in jedem Spiel. Hier lautet sie: Indem es verloren gehen kann, erhält das Werk seinen Wert.

>>> Notizen #2

David Krieger

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s