Über Bücher

Hacks und wie er die Welt sah

peter hacks

Nur wenige Wochen bevor Quemada mein Leben für immer verändern sollte –

Wäre das nicht ein Anfang für einen begeisterten Text über eine neue Wunderdiät, ein Potenzmittel oder eine Sekte? Wenige Wochen, bevor drei Freunde oder Freunde von Freunden und ich selbst beschlossen eine Zeitschrift zu gründen, als Antwort auf die Richtungslosigkeit unserer jeweiligen Gegenwart, schrieb ich für ein halb-reputables online-Magazin eine unbezahlte Rezension über ein 1300 Seiten dickes Buch von Peter Hacks. Absicht des Textes war, der Welt die Welt des Peter Hacks zu erklären. Er begann so:

Hacks und der DAX

Wenig würzt die Biographie von Künstlern und Intellektuellen so wie zeitweilige politische Verirrungen, an denen die Nachwelt sich reiben kann. Im Fall des 2003 gestorbenen Peter Hacks liegt die Sache etwas anders. Daran reiben kann man sich ohne weiteres, aber wenn sich seine früh gefasste und fortan kontinuierlich bekundete marxistische Überzeugung, überhaupt änderte, dann verfestigte sie sich. Keine nachträgliche Auslegung als Flirt, Phase oder eben Abirrung ist hier zulässig. Peter Hacks zog 1955 als junger Dramatiker in die ebenfalls noch junge DDR, er blieb dort und er überlebte den Staat, an dessen Richtigkeit und Notwendigkeit er noch glaubte, als es ihn schon nicht mehr gab. Wer ein literarisches Werk mit Blick auf die weltanschauliche Tendenz seines Autors ablehnt, findet bei Hacks keine Hintertür, die sich zur Relativierung eignen würde, und auch sonst lassen sich die kritische Würdigung und die Auseinandersetzung mit Hacks Eintreten für eine sozialistische Gesellschaft kaum entkoppeln, da dieses politische Eintreten Teil seines Schreibens war und auch seine Ästhetik maßgeblich fundiert. Dass Hacks im west- und später gesamtdeutschen Literaturbetrieb einen schweren Stand hatte, seit er die Ausbürgerung Wolf Biermanns mit einer gehässigen Bemerkung begrüßt hatte, kann man sich leicht vorstellen. Dass seine gesammelten Essays nun mit einem Nachwort von Dietmar Dath ausgestattet neu aufgelegt werden, könnte aber ein Hinweis darauf sein, dass die Hacks-Aktien neuerdings wieder im Kurs steigen, auch wenn ihm selbst dieses Bild nicht gefallen haben dürfte: der Autor, dessen Wert an der Literaturbörse bestimmt wird.

Bis dahin hatte ich noch nicht begonnen, das Buch überhaupt zu lesen. Ich wusste, dass das, was ich geschrieben hatte, auf seine Weise stimmte und musste nur die Jahreszahlen im Internet nachsuchen. Auch kannte ich nichts anderes von Hacks. Im Studium hatte ich immer einen weiten Bogen um ihn gemacht. Doch dann sah ich im Museumsshop des Folkwang Museums in Essen, wo ich nach einem seltenen Besuch bei meinen Eltern eine Ausstellung über Rock-Fotografie angeschaut hatte, dieses Buch stehen, auf dem Hacks nicht aussieht wie der DDR-Trompeter, als der er mir immer vorgekommen war, sondern wie eine Mischung aus einem französischen Existentialisten und einer rauchenden Schildkröte. Beides liegt vielleicht an dem Rollkragenpullover. Es war teurer als das teuerste Buch, das ich je gekauft habe (Gregory Crewdson. Beneath the Roses, 58 Euro) und also schlug ich es einem Redakteur zur Besprechung vor. Nachdem ich einige Seiten gelesen hatte, schrieb ich:

Hacks und die Klassik

Lange bevor seine Stücke von den deutschen Bühnen verschwanden, war Peter Hacks ein vielgespielter Dramatiker, der mit Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von  Goethe in den 1970er Jahren sogar einen Welterfolg feiern konnte. Dessen Titel deutet bereits an, welche künstlerische Bewegung Hacks nach seinen frühen sogenannten Stücken vollführt hatte: Eine Hinwendung zur klassischen Literatur, die sich aber nicht als Abkehr von der Gegenwart verstand, sondern als Verpflichtung gegenüber einer der Gegenwart und aus ihr hervorgehenden Zukunft adäquaten Ästhetik. Diese Ästhetik entfaltete Hacks programmatisch in den Essays, Kritiken, Selbstbefragungen und -kommentierungen, aus denen sich Die Maßgaben der Kunst zusammensetzen. Entstanden zwischen 1959 und 2001, wie das Verzeichnis der Erstdrucke zeigt, hat Hacks sie noch zu Lebzeiten selbst in dieser Weise angeordnet, um nicht zu sagen: komponiert. Auf den ersten Blick liegt der Verdacht nahe, hier habe ein Autor großzügig seine Schubladen ausgelehrt. Die Publikationsgeschichte entkräftet diesen Verdacht allerdings, denn dieses Buch ist buchstäblich mit Hacks Werk gewachsen. Schon die erste hier enthaltene Textfolge, Das Poetische. Ansätze zu einer postrevolutionären Dramaturgie bündelte vermeintlich Disparates zu einer schmalen Poetik, die, mit einem Vorwort versehen, als Buch erschien. Hacks erklärt darin, „daß der Verfasser Leser voraussetzt, die ohnehin zu den gleichen Ansichten gelangt sind wie er, oder die doch im Begriff sind, dorthin zu gelangen.“

Das war 1966. Hacks, hierin noch dem Denken Brechts verhaftet, in dessen Nachfolge seine ersten Arbeiten stehen, glaubt, die Aufgabe der Kunst sei es, die Welt verständlich darzustellen und ist deshalb gegen alle, die sie als unerklärbar zeigen und so, wie er meint, vernebeln. Etwa gegen Uwe Johnson und seine Mutmaßungen über Jakob. Hacks spottet, für Herrn Johnson müsse „es ja eine ständige Quelle freudiger Überraschung sein, seinen Frühstückstisch noch an der gewohnten Stelle wiederzufinden; dafür hat er ja eigentlich gar keine Erklärung.“

Im Versuch über das Theaterstück von morgen, einem Kernstück seiner Überlegungen, entwickelt er seine eigene Position im fiktiven Dialog mit einem Theaterkritiker, der ihm sagt: „Da ist gar kein Zweifel, Sie beschreiben den Grundtyp des klassischen Dramas.“ Hacks lässt dies gelten, formuliert jedoch seinen Anspruch an eine „sozialistische Klassik“. Diese sei „ohne jegliche restaurative und apologetische Züge“. Zumindest bis zum Fall der Berliner Mauer hielt Hacks daran fest. „Alle Wege führen über Goethe“, schreibt er 1984.

An der Universität habe ich die Vorlesungen der Goethe-Priester meistens nach den ersten Wochen nicht mehr besucht. Egal, worüber sie sprachen, auch für sie führten alle Wege über Goethe oder ebenso regelmäßig von Goethe aus zu Goethe zurück. Das Bemerkenswerte daran war, dass sie es für selbstverständlich hielten. Natürlich gab es auch andere Religionen. Für einen Schlegel-Priester führten alle Wege über Schlegel. Daran musste ich denken, als Schlegel auch bei Hacks auftauchte.

Hacks und die Romantik

Nach dem Ende der DDR sucht Hacks Gründe für den politischen Kollaps und er glaubt sie auch zu finden, wenn er über einen Vortrag Franz Fühmanns über E.T.A. Hoffmanns Die Elixiere des Teufels schreibt: „Fühmanns Absicht war nicht, der Romantik zu ihrem Recht zu verhelfen. Er wollte die Romantik an die Macht.“ Wenn die Klassik bei Hacks die durchgehend positive Bezugsgröße abgibt, ist die Romantik ihr Gegenteil, die negative Konstante, an der er sich intellektuell abarbeitet. Wie für Goethe ist die Unterscheidung beider Bewegungen für Hacks gleichbedeutend mit der zwischen dem Gesunden und dem Kranken. Goethe und Schiller bedachten viele ihrer Zeitgenossen mit sogenannten Xenien, mit Gastgeschenken, die nichts Süßes, sondern Höhnisches enthielten. Ähnliches tut Hacks und die meiste Zorneshäme hat er für die Romantiker und alle die übrig, die er in ihrer Tradition sieht. „Der Verfasser hat gegen die Romantik, daß sie ihn zwingt, sich mit ihr zu beschäftigen“, bekennt er. Friedrich Schlegel sei „vielleicht der schlechteste Dichter, den wir je hatten, (wie überhaupt die ganze romantische Schule nicht dichten konnte und die ausschließlich aus den Lehren Friedrich Schlegels besteht. Sie ist eine Ästhetik, zu der es keine Kunst gibt).“ Und über Die Elixiere des Teufels notiert Hacks: „Es ist dauernd, daß in dem Roman einer für einen hält, der der nicht ist.“ Die häufig fragmentarische, offene Form des Kunstwerks, der er bei den Romantikern begegnet, hält Hacks für schlecht, weil sie die Wahrheit verschleiert. Verschleierung wiederum erscheint ihm als eine Strategie, um ästhetisches Unvermögen zu kaschieren, und das Unvermögen seinerseits resultierte, wie er darlegt, aus dem Drogenkonsum der Dichter: „Die wohlfeile Form der Road Novel ist nicht erst bei Kerouac die Form des Drogenromans. Mehr Form gibt die bekiffte Bewußtseinslage nicht her.“ In seiner späten Streitschrift Zur Romantik nimmt sich Hacks nicht weniger vor, als eine Abrechnung mit diesem Phänomen und seinen Vertretern, indem er es schließlich auf eine politische Intrige des englischen Geheimdienstes zurückführt, der die Romantiker finanziert habe, um eine rückwärtsgewandte Gesinnung zu verbreiten. Die Klassiker hingegen seien in freimaurerischen Geheimbünden vernetzt und auf Seiten der französischen Revolution gewesen.

Ich setzte eine neue Überschrift:

Hacks und die Gegenwart

Vergleichbare Verschwörungstheorien kommen, ähnlich sprachgewandt, aber fiktional verkleidet und übersteigert, bei Thomas Pynchon vor. Bei Hacks dient die Übersteigerung der Präzision, doch sie ist darum nicht weniger ernst gemeint, in keinem einzigen Blitz und Donner dieses auf 1300 Seiten niedergehenden Gedankengewitters. Sein Denken und Schreiben hat den Glauben an die Verbindlichkeit, dessen, was er sagt, zur Voraussetzung. In diesem Sinne ist es, wie Dath in seinem Nachwort schreibt, das Gegenteil dessen, was heute „Wortbeitrag“ genannt wird und die gegenwärtige Diskussionskultur bestimmt. Was Hacks nicht fürchtete, war die eigene Angreifbarkeit, schon deshalb nicht, weil er überzeugt war, recht zu haben. Dass ausgerechnet die Zeit ihm entgegenkommen könnte, mag erstaunen angesichts der politischen Tendenz seines Werks, doch schafft sie eben den Abstand, der es zulassen kann, an diesen Aufsätzen ihre analytische Schärfe, an den Invektiven den Stil zu würdigen und sie auch oder womöglich vor allem um ihrer rhetorischen Brillanz Willen zu lesen. Ob das bereits die „durchschlagende Wirkungslosigkeit eines Klassikers“ ist, die Max Frisch einst Brecht attestierte, bleibt abzuwarten.

Der fertige Text ist nie erschienen. Kurz nachdem ich ihn abschickte, zerstritten sich, wie das bei Zeitschriften immer passiert, die Redakteure und einer von ihnen verschwand mit meiner Rezension aus der online-Welt. Ich weiß noch, dass ich an dem selben Nachmittag, an dem ich das dicke Buch von Hacks ins Regal räumte, wieder Rilkes Gedicht über einen Torso las, das mit den Worten endet: „Du musst Dein Leben ändern.“

Peter Hacks: Die Maßgaben der Kunst. Gesammelte Aufsätze 1955-1994. Suhrkamp 2010. 64 Euro.

Jan Winkler

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