QUEMADA Talk

Der Preis des Ruhms

Drei Auktionen, bei denen wir nicht mitgeboten haben: Im Dezember 2011 wurde im Auktionshaus Julian’s eine Spielzeugpistole von Lady Gaga versteigert. Lady Gaga trug sie im Video zu “Born This Way”. Ebenda: Kostüme von John Lennon und Paul McCartney aus dem Film „Help!“. Elton John versteigerte im gleichen Jahr zu Gunsten der „Elton John Aids Stiftung“ einen verchromten Audi R8 Spyder.

Was folgt, ist die Mitschrift eines Gesprächs, das am 3. Januar 2012 im QUEMADA Redaktionsbüro am Bismarckring 56 stattfand. Es ging um die Dinge, ihre Aura, ihren Wert und ihren Preis.

Jan: Wer von Euch besitzt etwas, das einmal einem berühmten Menschen gehört hat?

David: Einem berühmten Toten oder einem berühmten Lebenden?

Jan: Egal. Hauptsache berühmt.

Zoë: Früher berühmt oder immer noch berühmt?

Jan: Entweder oder. Sowohl als auch.

Sasha: Wozu sollte ich so was haben? Kommt es darauf an? Für mich würde sich dadurch überhaupt nichts ändern. Es macht einfach keinen Unterschied, ob aus dem Teller, aus dem ich mein Müsli esse, früher Dostojewski sein Müsli gegessen hat.

David: Warum Dostojewski? Warum nicht Turgenjew oder Tschechow?

Sasha: Weil Dostojewski mal in Wiesbaden war. Aber ich sage doch, es kommt nicht drauf an. Dostojewski, Turgenjew, Tschechow, von mir aus können sie alle drei ihr Müsli aus meinem Teller gegessen haben und es interessiert mich nicht.

Jan: Du glaubst also nicht an die Aura von Dingen?

Sasha: Nein. Aber ich glaube an gute Schriftsteller.

David: Ich habe einen alten Lederkoffer, der früher meinem Opa gehört hat. Darin hab ich meine Videokassetten, die ich nicht mehr anschaue. Ich habe ja keinen Videorekorder mehr.

Jan: Wie hieß Dein Opa?

David: Johann Christoph Krieger.

Zoë: Und was hat er gemacht? Wofür war er berühmt?

David: Er war Tierarzt in Unterliederbach. Und später ist er der erste Tierarzt für den Opel-Zoo in Kronberg geworden.

Jan: Hat er einen Wikipedia-Eintrag?

David: Nein. Damals gab es Wikipedia noch nicht.

Zoë: Ich habe ein Buch, das einmal Chrissie Hynde gehört hat.

Sasha: Kenn ich nicht.

David: Das ist die Sängerin von den Pretenders. Woher hast Du das Buch? Und woher weißt Du, dass es Chrissie Hynde gehört hat? Hast Du sie getroffen?

Zoë: Eine Freundin von mir ist Geigenbauerin in London. Ich hab sie besucht. Sie heißt Judith und wohnt in Kensal Rise. Wir sind in der Gegend spazieren gegangen und waren in einem dieser Charity Shops, in denen Sachen für einen guten Zweck verkauft werden. Es war alles unglaublich billig. Sonst ist alles wahnsinnig teuer, aber dort gab es Kleider und Bücher und was weiß ich noch alles für ein paar Pfund. Ich habe ein Buch aus einer Kiste genommen, weil mir der Umschlag gefallen hat. Ein Buch über Paris. Es hat nur ein Pfund gekostet, also habe ich es gekauft. Als wir wieder zuhause waren, habe ich darin einen Boarding Pass gefunden, auf dem Chrissie Hynde steht.

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David: Wie heißt das Buch?

Zoë: The Flâneur von Edmund White.

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David: Kenn ich nicht.

Sasha: Ich auch nicht.

Jan: Das kann auch ein Zufall sein. Vielleicht war es nicht ihr Buch. Vielleicht hat eine Stewardess die Bordkarte mitgenommen und als Lesezeichen verwendet.

Zoë: Es war nicht nur die Bordkarte. Es war auch ein Zollzettel drin. Auch auf den Namen C. Hynde. Für einen Flug von London nach Philadelphia.

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Jan: Die Frage ist, ob sich dadurch etwas ändert. Ich besitze hunderte von Büchern, die früher anderen Menschen gehört haben, und in vielen davon stehen Namen, manchmal ist sogar die Adresse reingestempelt…

(David lacht)

…oder eine Widmung drin, zum Geburtstag oder zum Hochzeitstag. Aber diese Namen haben keine Bedeutung, sie sagen mir nichts. Niemand von all denen ist berühmt.

Jan: Der Unterschied ist, dass Du das Buch nicht gekauft hast, weil es Chrissie Hynde gehört hast, sondern weil Du das Cover mochtest und weil es ein Buch über Paris ist. Dir ging es um Paris, nicht um Chrissie Hynde.

David: Hat Chrissie Hynde eine Bedeutung für Dich? Magst Du die Pretenders?

Zoë: Ich mag „Back on the Chain Gang“.

David: Würden wir etwas kaufen, weil es einem berühmten Menschen gehört hat, egal, was es ist?

Sasha: Ich muss schon die ganze Zeit an Wonder Boys denken. Über den Film reden in Leipzig immer alle, weil es um einen Creative Writing Professor geht. Der Professor hat einen Kollegen, der ein Buch über Baseball schreibt, und der sammelt Zeug von berühmten Menschen. Er hat eine Jacke, die einmal Marilyn Monroe gehört hat…vielleicht geht es eigentlich um das Sammeln an sich. Wir müssten uns erst mal fragen, warum Menschen überhaupt Dinge sammeln. In der zehnten Klasse habe ich ein Schulpraktikum bei einer Ergotherapeutin gemacht und viele Kinder, die zu ihr kamen, hatten Probleme damit, Beziehungen zu ihrer Umgebung herzustellen, weil ihre Erfahrungen darin unterentwickelt waren. Offenbar entwickelt sich das Gehirn schon im Kleinkindalter dadurch, dass wir Sachen sammeln und ordnen. Wie treten in einen Bezug zu Dingen, in dem wir sie sammeln und ordnen. Tiere sammeln nichts, was sie nicht brauchen. Aber für Menschen ist es gar nicht so wichtig, ob sie etwas brauchen, weil es darum geht, durch das Sammeln die kognitiven Kompetenzen auszubilden, die man braucht. Das ist Evolution.

David: Das erklärt, warum fast jeder irgendetwas sammelt, unabhängig von der Funktion oder Notwendigkeit. Ich sammle Platten, auch wenn ich natürlich meine, dass sie notwendig sind. Weil ich Musik mag. Aber warum will jemand etwas haben, das berühmten Menschen gehört hat – statt Porzellan oder Ü-Eierfiguren oder Bierdeckel? Weil er berühmte Menschen mag.

Jan: Die Jacke von Marilyn Monroe wäre also mit Freud gesprochen ein Ersatzobjekt. Jemand will Marilyn Monroe näher kommen, und weil das natürlich nicht möglich ist, überträgt er seine Begierde auf einen Gegenstand, der für den Menschen steht.

Zoë: Berühmte Menschen sind selten und dadurch, dass irgendein Gegenstand, den es eigentlich millionen Mal gibt, einem berühmten Menschen gehört, wird auch dieser Gegenstand selten und besonders. Und weil wir alle besonders sein wollen und vielleicht am liebsten auch berühmt, sammeln wir Dinge, die uns einzigartig machen sollen, weil sie nicht jeder hat.

Jan: Und die Seltenheit steigert hier den Marktwert oder eher den Preis. Das ist wichtig. Deshalb hat niemand von uns etwas, das jemand sehr Berühmtem gehört hat. Selbst wenn wir es wollten, könnten wir es uns nicht leisten.

Sasha: Vielleicht ist das gemeint, wenn vom Preis des Ruhms die Rede ist. Wer so berühmt ist, dass er sich seine eigenen Sachen nicht mehr leisten könnte, wenn er sie von sich selbst kaufen müsste, weil sie so teuer geworden sind dadurch, dass sie ihm gehört haben.

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