Der Sommer unserer Unzufriedenheit

Die letzten vier Jobs unseres Lebens

© Henrik Sundholm

© Henrik Sundholm

Wir waren unzufrieden und schlecht bezahlt. Es fehlte uns ein Ziel, auf das wir zuarbeiten konnten. Unser Leben war bestimmt durch das Gefühl, nicht im eigenen Leben angekommen zu sein. Wir hatten nichts mehr, woran wir glauben konnten, so wie man einmal an die Unsterblichkeit von Bud Spencer und Terence Hill hatte glauben können. Die meisten von uns mochten ihre Kollegen, einige verachteten die, die sie eingestellt hatten. Eigentlich hätten wir gerne etwas Anderes gemacht, doch wir wussten nicht, was. Das hier ist das Dokument der vier letzten Jobs unseres Lebens, bevor wir beschlossen, eine Zeitschrift zu gründen.

***

Latte für Bugaboo

Nachmittags waren wir zu zweit. Elli bediente die Kaffeemaschine und ich brachte die Getränke an die Tische und nahm Bestellungen entgegen. Das waren die einzigen Stunden, in denen wir für uns waren. Wir stellten uns dann vor, dass das Café uns beiden gehörte. Auch deshalb wechselte Elli immer die Musik und dimmte das Licht, wenn die Chefin den Laden verließ. Sie schenkte uns Saft ein und wir steigerten uns gegenseitig in eine unermessliche Erregung über die Ungerechtigkeiten, die uns widerfuhren. Einmal war ich wegen einer Teekanne zur Rede gestellt worden. Eines der Bugaboo-Babys hatte sie zerschmettert. Jeden Morgen rollten sie in Schwärmen an und machten Krawall. Elli konnte es nicht lassen, sich einzumischen, auch wenn es nichts half. Sie sagte zur Chefin, es sei nicht meine Schuld, dass dieses Café das neue Mekka der Yummy Mummys sei und wir könnten auch anderswo arbeiten. „Das ist kein Leben“, sagte Elli dann immer und meinte es nicht so pathetisch, wie es klang. „Leben heißt auf Russisch жизнь oder существование oder век; je nachdem“, sagte ich einmal. „Wusstest Du das?“ – „Nein“, erwiderte sie. „Ich bin doch aus Wales. Auf Englisch heißt es Life. Das ist ein four-letter word. So wie Fuck.“

Sasha Petrova

***

Moderne Post

Die Post musste in der Nachtschicht ein- und ausgeladen und sortiert werden. In der Ausschreibung hieß es, dass „hohe physische Belastbarkeit“ gefordert sei und deshalb vorzugsweise Männer eingestellt würden. Als ich diesen Satz las, dachte ich an amerikanische Trucker in Jeans und weißen T-Shirts, die mitten in der Nacht in einem Diner Pause machten, rauchten und Filterkaffee tranken. Sie sahen sehr männlich aus und ich gefiel mir in der Vorstellung, Postsäcke zu schultern und mit meinen Kollegen Zigarettenpausen zu machen. Dabei hatte ich gerade erst mit dem Rauchen aufgehört. Dafür trank ich dreimal so viel Kaffee wie früher. Wenn ich zur Arbeit fuhr, schliefen meine Mitbewohner noch. Ich füllte meine Thermoskanne mit schwarzem Kaffee und stieg aufs Rad. Meine Kollegen waren Türken und Polen. Ich war der einzige, der hier über Karl Marx reden wollte und der einzige, dessen ökonomische Existenz nicht für immer von dieser Arbeit abhing, weil ich eines Tages ein halbes Reihenhaus erben werde. Wenn ich nach fünf Stunden wieder ans Tageslicht kam, klebte mein T-Shirt am Rücken und mit dem Morgengrauen kam die Müdigkeit.

Jan Winkler

***

Hieronymus Bosch auf dem Wochenmarkt

Wenn ich um halb sieben ankam, war der Stand schon aufgebaut. Samstags war auf dem Markt die Hölle los. Wie auf einem Gemälde von Hieronymus Bosch wimmelten überall Menschen durcheinander. Als erstes kamen die Senioren mit ihren Einkauftrolleys, die extra früh aufstanden, um einen guten Parkplatz zu finden. Dann kamen die jungen Familienväter, eine Tüte Frühstücksbrötchen in der einen Hand, die Fahrradtasche in der anderen. Sie kauften hundert Gramm Fenchelsalami, Oliven oder Ziegenkäse und oft änderten sie in der letzten Minute noch ihre Meinung. Am meisten verachtete ich die Ehefrauen in den Wechseljahren, mit ihren Perlenketten, den Luis Vuitton Tüchern und ihrem Volkshochschulitalienisch. Sie ließen sich nur vom Chef bedienen, weil er so ein schöner Mann war. Sie sagten „buon giorno!“ und „come va?“ und hätten ihn am liebsten noch auf die Wangen geküsst. Meistens zahlten sie mit viel zu großen Scheinen, so dass ich zum Bratwurststand nebenan geschickt wurde, um Wechselgeld zu holen. Am Bratwurststand zahlten die Leute immer passend und ich brachte einen Haufen fettiger Münzen in einer Camembertschachtel aus Spanholz zurück. Als letztes kamen die Studenten. Manche kannten mich vom Sehen aus der Uni und glaubten, ich würde ihnen deshalb einen guten Preis machen. Der Chef schüttelte dazu nur den Kopf und sagte: Die Preise sind schon gut genug.

Zoë  Tannenbaum

***

Fenster zur Welt

In der Mitte steht ein Mädchen mit schulterlangen braunen Haaren, in Jeans. Sie lächelt in die Kamera und jemand, der dabei war sagt, sie habe Lippenherpes und die Maskenbildner hätten mehr als eine Stunde gebraucht, um das wegzubekommen. Anschließend brauchte Thorsten, der Art Director, noch einmal eine Stunde mit Photoshop, um ihren Teint aufzuhellen. Das Mädchen heißt Linda und sie soll die Menschen davon überzeugen, die Welt zu retten, indem sie Doppelglasfenster kaufen, mit denen sich der Klimawandel stoppen lässt. Hinter Linda sieht man ein gezeichnetes Haus, einen großen Garten und Vögel. Thorsten hat sie in das Bild gemalt. Linda lächelt. Sie will, dass ihre Generation sich auf die Zukunft freut. Alle Menschen sollen sich auf die Zukunft freuen, weil sie die Erde gerettet haben. Thorsten sagt, dass Linda in Berlin aufs Gymnasium geht und vierzigtausend  Euro für das Fotoshooting kassiert hat. Natürlich freut sie sich auf ihre Zukunft. Weil alle Eltern sich eine Tochter wie Linda wünschen, die jung ist und verantwortungsbewusst und nett lächelt, wollen sie sich diese Fenster kaufen. Sie sind die Zielgruppe: Sie haben Häuser oder Doppelhaushälften und Kinder, die sie nicht lieben und wenn sie könnten, würden sie sich Linda als Tochter kaufen. Stattdessen kaufen sie sich Doppelglasfenster, denn dann werden sie von Linda geliebt. Es ist halb acht Uhr am Freitagabend. Das Layout ist gekauft, sagt Thorsten. Schreib eine Line drauf, dann haben wir es.

David Krieger

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s