Notizen

Notizen #2

buster keaton the cameraman

Wir wollten selbst Filme machen und brauchten eine Kamera. High Def war die Maßgabe und Ratenzahlung das Modell: Null Prozent Zinsen bei dreißig Monaten Laufzeit. Die Kamera kostete 799 Euro, d.h. während der nächsten zweieinhalb Jahre bezahlt QUEMADA jeden Monat 26.633333333333333 Euro. Wenn wir die 799 Euro noch am gleichen Tag auf ein Bankkonto einzahlen, auf dem wir für das Geld ein Prozent Zinsen (sehr bescheiden, aber gängig) erhalten, wird das Gerät so billiger als wenn wir die Summe direkt auf den Tisch gelegt hätten. Auf diese Weise lassen wir das Geld für uns arbeiten und können uns wichtigeren Dingen zuwenden, zum Beispiel dem Filmemachen.

Der Weg zum Abschluss des Geschäfts führt durch eine rote Sicherheitstür in den Bereich hinter den Kulissen. „Dort nehmen Sie bitte Platz, die Kollegen sehen Sie auf dem Monitor und Sie werden nach oben gebeten, sobald jemand frei ist“, erklärt die Dame, die uns beraten hat und deren Name von der Redaktion in Eisvogel geändert wurde (wobei sie einen guten Tausch gemacht hat ohne es zu wissen). Hinter der Feuertür beginnt der Bereich von Kabel Eins, von „Raus aus der Schuldenfalle“, von allen Gerichtsvollzieherreportagen, die das Programm zu bieten hat. Wir sind Kamerateam und Hauptdarsteller zugleich. An der Decke hängt ein CCTV-Auge, das den Flur überwacht. Entlang einer weiß gestrichenen Stahlbetonwand sitzen Menschen auf Stühlen; einige sprechen eine Sprache, die nicht Deutsch ist. Wir lächeln denen zu, die uns auf dem Monitor sehen.

Wenige Minuten später winkt uns ein Kollege, zusammen mit zwei Mitwartenden durch die nächste Tür und bringt uns in ein höheres Stockwerk. Dort nehmen Sie bitte Platz, solange die uns zugewiesene Kollegin in der Küchenzeile des Open Plan Büros mit der Zubereitung einer großen Schüssel Milchkaffee beschäftigt ist. Der Kaffee ist für sie selbst bestimmt, aber auf Nachfrage erhalten wir von einer anderen Kollegin, die gerade frei ist, Mineralwasser aus einer grünen Flasche. Wir warten, trinken Wasser und begutachten die Einrichtung (Schreibtische, angeordnet wie Zacken eines Kamms, Stühle um einen Tisch, darauf eine Glasschale mit künstlichen Steinen, metallisch glasiert, Topfpalmen), während einer die ganze Arbeit macht und den Vertrag abschließt, in dem die monatlichen Raten vereinbart sind. Über Telefon und Lautsprecher wird ein Herr Eisvogel ausgerufen und in die Abteilung C gebeten. Und dann sind wir frei. Beim Herauskommen lesen wir eine Liste, die wir nicht filmen dürfen, weil unsere Kamera noch unten liegt und erst an der Kasse ausgehändigt wird. Es handelt sich um Regeln für ein gutes Miteinander, für die Kolleginnen und Kollegen. Regel 7 besagt: „Auch auf den besten verzichten, wenn er das Team stört.“

>>> Notizen #3

David Krieger

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