Essay / Quemada #1: Cold Fact

Gandhi im Wendland. Von ESTHER WIDMANN

Castor_2011_-_Gorleben_Sitzblockade_(3)

© BUNDjugend

Anlässlich von Friedensdemonstrationen, Ostermärschen und politischen Kundgebungen auf aller Welt, erscheint bei uns heute ein Essay aus QUEMADA #1: Cold Fact. Esther Widmann hat Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet, d.h. sie hat es versucht, als Demonstrantin bei der Blockade eines Castor-Transports. Ihr Essay zeigt, wie es sich anfühlt, von höflichen Polizisten weggetragen zu werden, während anderswo auf protestierende Freiheitskämpfer geschossen wird.

Im Jahr 2011 wurde, auf der ganzen Welt, viel protestiert: in Tunesien, in Ägypten, in Libyen, Syrien und anderen arabischen Staaten gegen menschenverachtende Diktatoren, in Spanien gegen die Perspektivlosigkeit der Jugend, in Griechenland gegen offenbar zum Scheitern verurteilte Rettungsversuche und die allgemeine Misere, in den USA gegen Banken und ihre rücksichtslosen Machenschaften, und in Deutschland gegen Castortransporte und Atomkraft.

Wenn man an den persönlichen Einsatz und das jeweilige Risiko denkt, das für den Einzelnen mit diesen Protesten verbunden war oder ist, kann es einem unangemessen erscheinen, sie so in eine Reihe zu stellen. Die Freiheitskämpfe in der arabischen Welt nach Jahrzehnten der Unterdrückung, bei denen Menschen getötet werden – und das soundsovielte Wochenende mit Sitzblockaden, die den Transport von Atommüll verzögern, aber, wie alle Beteiligten wissen, niemals verhindern: kann man das vergleichen?

Natürlich kann man. Die Frage müsste wahrscheinlich eher lauten, ob es in Ordnung ist, es zu tun. Es war nicht die einzige Frage, mit der ich im letzten Jahr ins Wendland fuhr, aber sie erwies sich als beharrlich, auch über die drei Tage hinaus, die ich unter freiem Himmel damit zugebracht habe, die Ankunft eines Zuges zu verzögern. Schon unterwegs, auf der Rückbank eines mit Rucksäcken, Thermoskannen und wetterfesten Jacken vollgeladenen Autos, dessen andere Insassen ich noch nie gesehen hatte, und das mich vom zentralen Infopunkt in Dannenberg ins Camp brachte, fing ich unwillkürlich mit dem Vergleichen an. Denn das, was gerade in den arabischen Ländern passierte und das, was jedes Jahr im Wendland abläuft, sind ja im Grunde zwei Extreme des gleichen Anliegens: Demokratie und Beteiligung des Volkes am sogenannten politischen Entscheidungsfindungsprozess.

Die Bilder aus Libyen ließen leicht vergessen, dass in Tunesien und in Ägypten der Wandel durch im Großen und Ganzen friedliche Proteste herbeigeführt wurde. Auch in Syrien, wo der Ausgang des Konfliktes zu dieser Zeit noch ungewiss war, sind die Demonstranten zunächst unbewaffnet gewesen. In Deutschland entstanden nahezu synchron unabhängige Initiativen, die den gewaltfreien Kampf in Syrien unterstützten, indem sie Spenden für die lokalen Bürgerkomitees sammelten, um die Organisation von Demonstrationen, das Vervielfältigen von Flugblättern und ähnliches zu finanzieren und explizit nicht die Bewaffnung der Demonstranten. Wenn die Syrer auf die Straße gingen und Demokratie forderten, riskierten sie ihr Leben, und eine unbekannte Zahl von ihnen verlor es.

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Im Wendland, einer sehr ländlichen Gegend im platten Land nahe der früheren innerdeutschen Grenze, herrschte in den letzten zehn Jahren fast jeden Herbst Ausnahmezustand. Castor-Behälter mit hochradioaktivem Atommüll werden an einem Novemberwochenende per Zug durch Frankreich und halb Deutschland transportiert, im wendländischen Dannenberg auf LKW verladen und die letzten 20 Kilometer auf der Straße ins oberirdische Zwischenlager in der Nähe eines ehemaligen Salzbergwerks gefahren. Das Salzbergwerk ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein geeigneter Lagerort für den Müll, von dem, so lange die Atomkraftwerke laufen, immer noch mehr produziert wird. Deshalb gibt es bei jedem Castor-Transport nach Gorleben Proteste und Streckenblockaden. Das Versammlungs- und Demonstrationsrecht ist ein Menschenrecht und als solches im Grundgesetz der Bundesrepublik verankert. Während der Castor-Transporte nach Gorleben wird es entlang der Strecke eingeschränkt beziehungsweise aufgehoben. Den schwankenden, aber in den letzten Jahren stark gestiegenen Zahlen von Demonstranten aus der ganzen Republik sowie der lokalen Bäuerlichen Notgemeinschaft und ihren Traktoren werden jedes Mal etwa 20.000 Polizisten entgegengestellt, die das Versammlungsverbot durchsetzen und den Transport schützen sollen. Das hindert die Menschen nicht, große, angekündigte Sitzblockaden durchzuführen. In mit dem Näherrücken der Fracht auf dem Weg durch Deutschland steigender Frequenz beginnt eine Art Wettkampf, den zumindest einige langjährige Teilnehmer mit einem gewissen Grad an Sportsgeist betreiben: auf der Suche nach Möglichkeiten, die Strecke mit Menschen zu blockieren, werden Geschicklichkeit, Kreativität und Taktik eingesetzt. Trotzdem kann man ob der schieren Masse an Polizei keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Angelegenheit haben, auch wenn nach einer routinemäßigen Führerscheinkontrolle und der Frage nach „Blockademitteln im Auto“ – „Drei Frauen!“ – der junge Polizist aus Bayern freundlich ein schönes Wochenende wünscht.

quemada camping 3

Eine der größten Blockaden findet auf der Straßenstrecke statt, im letzten Jahr direkt am Ortseingang von Gorleben. Auf den letzten paar hundert Metern vor dem Zwischenlager waren Hamburger Gitter aufgestellt worden, und der Ort selbst war abgeriegelt. Davon abgesehen bestand der Versuch, die Gruppe von ungefähr tausend Teilnehmern aufzuhalten, aus vielleicht fünfzig im Wald verteilten Polizeikräften, die versuchten, die vordersten Demonstranten zurückzustoßen, was zur Folge hatte, dass alle anderen und danach auch die Zurückgestoßenen einfach um die Männer herumgingen. Dann läuft es jedes Jahr ähnlich. Auf der Straße angekommen, trifft innerhalb weniger Stunden die vom Aktionsbündnis ‚x-tausendmal quer‘ organisierte Infrastruktur ein: Toiletten, Strohsäcke zum Sitzen und Schlafen, Schutzplanen gegen möglichen Regen, ein Musikwagen sowie Rampenplan, die ‚Volxküche‘, bei der Wam Kat persönlich in den hüfthohen Kesseln mit Gemüse-Kokos-Curry rührt. Die Polizei schaut zu, wie wir uns einrichten, und schickt ‚Konfliktmanager‘ in roten Westen vorbei, die im Gespräch mit dazu bestimmten Personen, den Polizeikontakten, die Stimmung ausloten und Wünsche verhandeln: Flutlicht nachts aus nein, Räumung ohne Helm, auch ohne Helm am Gürtel, ja. Bis zur Räumung ist das größte Problem allenfalls die Langeweile. Dieses Jahr ist es, obwohl Ende November, nicht einmal besonders kalt. Wir hocken rum, unterhalten uns, treffen alte und neue Bekannte, holen uns heißen Tee und dreimal täglich warmes Essen. Irgendwann legen wir uns zwischen den anderen auf zusammengeschobene Strohsäcke, und jeder schläft so gut er kann unter freiem Himmel im state-of-the-art-Schlafsack. Es hat was von Ferienlager, nur dass es keine Gruppenleiter gibt und man kommen und gehen darf, wie man will. Am nächsten Nachmittag fährt das Polizeiaufgebot auf und per Lautsprecher erfolgt durch den Einsatzleiter dreimal die Aufforderung an alle Blockierer, die offiziell aufgelöste Versammlung zu verlassen. Das ist Vorschrift, damit die Polizei räumen darf. Die ebenfalls mehrfach freundlich wiederholte Erinnerung, keine persönlichen Gegenstände auf der Straße liegenzulassen, kenne ich dagegen sonst allenfalls von Bahnfahrten. Dann kommt junges Polizeipersonal, spricht jeden einzeln an, trägt ihn in den Wald hinter die Polizeikette und wenn nötig (oder ansonsten zu schwer) auch den Rucksack noch hinterher. Mehr passierte letztes Jahr nicht, jedenfalls nicht in dem Abschnitt, in dem ich saß und wo niemand sich aneinander festhielt oder unterhakte.

Während der Sitzblockade, beim Curryessen und Teetrinken, angesichts der heiteren Atmosphäre und erst recht nach der zwischenfallsfreien Räumung drängt sich mir die Frage auf, ob es nicht ein bisschen zu lasch ist, wenn das alles so entspannt abläuft. Der Kontrast zu den Bildern aus Libyen und Syrien ist gewaltig, und auch die Räumung des Occupy-Camps im New Yorker Zucotti-Park sah anders aus. Ist der Protest überhaupt glaubwürdig, wenn es einem dabei überhaupt nicht schlecht geht? Wenn er – auf beiden Seiten – so eingespielt, so routinemäßig behandelt wird (und sich dann auch so anfühlt)? Müsste es nicht mehr zur Sache gehen?

quemada camping 2

Das größte Opfer, das man zu erbringen hat, sind die Fahrtkosten ins ziemlich abgelegene Wendland, ein verlängertes Wochenende Zeit und gegebenenfalls, aber nicht zwingend, zwei bis drei Tage in den selben Kleidern und ohne Dusche (und, dementsprechend, wenn man das sicherheitshalber wasserdicht in eine Plastiktüte verpackte Päckchen mit Geld und Ausweis aus der Brusttasche des alten, unförmigen Anoraks nestelt, die Bereitschaft, eine vage Vorstellung davon zu erhalten, wie sich eine erkennbar obdachlose Person angestarrt fühlen muss, wenn sie in unpassender Umgebung auftaucht). Nicht einmal die Personalien werden bei der Räumung aufgenommen, nicht einmal die Ordnungswidrigkeit, die die Sitzblockade juristisch bedeutet, wird geahndet. Natürlich wäre ich am 1. Advent lieber woanders gewesen. Aber unangenehm war es alles nicht, es hat nicht wehgetan, und ich habe nicht gelitten. Es ist sogar ziemlich bequem, mal nicht einkaufen und nicht kochen zu müssen. Ist das in Ordnung? Wenn anderswo Menschen für ihre Freiheit sterben, ist unser niedrigschwelliger Kuschelprotest dann überhaupt etwas wert?

***

Um zu erkennen, dass solche Gedanken Unsinn sind, muss ich mir erst wieder klarmachen, worum es bei den Castor-Blockaden geht. Niemand macht sich darüber Illusionen, dass man durch die Aktionen die Ankunft des Atommülls im Zwischenlager letztlich verhindern könnte. Aber man will es so schwierig wie möglich machen. Vielleicht sollte es neben den Castor-Aktionstrainings, bei denen Weggetragenwerden und Verhalten im Ernstfall geübt werden, auch Einführungen in die Philosophie des gewaltfreien Widerstandes geben. Im Wendland wird nie explizit gemacht wird, wie direkt man sich auf Mahatma Gandhi beziehen kann. Gandhis einzige unverrückbare Überzeugung war ahimsa, übersetzbar als ‚Gewaltlosigkeit‘, obwohl der Begriff im Hinduismus noch eine sehr viel weitergehende Bedeutung hat. Gandhi erkannte, dass der Verzicht auf Gewalt mehr innere Stärke erfordert als ihre Anwendung. Auch Hannah Arendt schrieb in  Macht und Gewalt dem Gewaltausübenden die schwächere Position zu und forderte Straffreiheit für Sitzblockaden, die sie als essentielle Partizipation der Bürger am politischen Entscheidungsfindungsprozess sah. Gandhi benutzte für die politische Aktion, die auf ahimsa beruht, zunächst den Ausdruck ‚passiver Widerstand‘, verwarf ihn jedoch bald, da er einen falschen Eindruck vermittelt: beim gewaltlosen Protest wirkt eine aktive, nicht eine passive Kraft. Passiver Widerstand ist Schwäche; politische Aktion im Sinne Gandhis dagegen verlangt und beweist moralische Stärke und Mut. Aktive Gegenwehr gegen polizeiliche Maßnahmen ist nicht vorgesehen, die Aktivität liegt im Nichtstun, im Nichtweggehen, im Nicht-freiwillig-weichen. Gandhi prägte daher für den gewaltlosen Protest den Begriff satyagraha, was sich als ‚Festhalten an der Wahrheit‘ übersetzen läßt.  Es ist ein weitreichendes ethisches Prinzip mit religiösen Zügen, das die gesamte Lebensgestaltung durchdringen soll. In der politischen Aktion soll durch die absolute Gewaltfreiheit und Entschlossenheit der Gegner in seiner Eigenschaft als empfindsamer Mensch psychologisch berührt werden.

Richard Gregg, einer der prominentesten westlichen Interpreten Gandhis, erklärt in The Power of Nonviolence von 1966, der Angreifer „dimly realizes the courage of the nonviolent opponent is higher than mere physical bravery or recklessness“ und nennt die Technik „moralisches jiu-jitsu“: mit der Bereitschaft, auch auf Provokationen, Gewalt und Schmerzen gewaltfrei zu reagieren und entschlossen zu bleiben, wirft man das Gegenüber aus der Bahn. Denn die Artikulation des Widerstandes geschieht nur durch den ungeschützten Körper jedes Einzelnen. Die zweite Ikone des gewaltfreien Widerstandes, Martin Luther King, hat das in seinem berühmten Letter from Birmingham City Jail so formuliert: „We had no alternative except that of preparing for direct action, whereby we would present our very bodies as a means of laying our case before the conscience of the local and national community […]. You may well ask, ‘Why direct action? Why sit-ins, marches, etc.?  Isn’t negotiation a better path?’  You are exactly right in your call for negotiation. Indeed, this is the purpose of direct action. It seeks so to dramatize the issue that it can no longer be ignored.“ Das ist der eigentliche Sinn der Castor-Proteste. Denn wenn auch Gandhis Gedanken faszinierend sind und es nicht auszuschließen, ja es sogar zu hoffen ist, dass man mit gewaltlosen Aktionen das Gegenüber tatsächlich psychologisch beeinflusst, ist in vielen Fällen der unmittelbare  ‚Angreifer‘ gar nicht der eigentliche Gegner. Es ist sicher, dass in Gorleben auch Polizisten im Einsatz sind, die genau so wenig von Atomkraft und dem Endlager halten wie die Demonstranten, die sie von der Straße tragen müssen. Deshalb ist die wichtigere Dimension in diesem Fall das Erreichen der Öffentlichkeit, die Publicity, die Präsenz des Themas in den Medien. Das Problem, in diesem Fall die ungelöste Frage der Endlagerung von Atommüll und die andauernde Produktion desselben, soll, in den Worten Luther Kings, so dramatisiert werden, dass es nicht ignoriert werden kann. Die eigene Position deutlich zu machen und sich dabei so positiv wie möglich zu darzustellen, darum geht es. Der Philosoph Peter Singer hat in Democracy and Disobedience mit Bezug auf einen der spirituellen Väter der Bewegung, Henry David Thoreau, das Erregen von Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit durch zivilen Ungehorsam als eines der wichtigsten Ziele dieser Aktionsform besonders hervorgehoben. Sie ist nötig, weil  das System selbst in einer Demokratie einer unterschiedlichen Gewichtung spezifischer Themen durch den Einzelnen keine Rechnung trägt. Um das auszugleichen, muss die Öffentlichkeit auf solche Anliegen aufmerksam gemacht werden.

Man darf vermuten und hoffen, dass friedliche Proteste bei dieser Öffentlichkeit besser ankommen als Bilder von das Pflaster aufreißenden Vermummten. Der friedliche Charakter des Protestes entscheidet laut Singer nicht nur über die Rechtmäßigkeit, sondern bedeutet auch den Unterschied zwischen Ungehorsam um der Aufmerksamkeit willen und Ungehorsam, der die Mehrheit durch Erzeugen von Angst beeinflussen will.

demo

Zu einem Gutteil nährt sich also die Idee, es müsse irgendwie wehtun, sicher auch aus meiner selbstsüchtigen Abenteuerlust und verletzten Eitelkeit, weil das Gefühl, ein Held zu sein, sich nicht so schnell einstellt – nicht, weil ich möchte, dass die Situation eskaliert und es Ausschreitungen gibt, sondern weil das alles so einfach ist. Aber obwohl Gandhi die Bereitschaft zum Leiden zu einem seiner Prinzipien erklärt hatte, ist das Leid nicht unbedingt eine Voraussetzung für den Erfolg der Aktion (anders als beim von den frühen Christen propagierten ‚no pain, no gain‘-Prinzip). Der verzweifelte Kampf der Syrer bedeutet nicht, dass mein Protest weniger wert ist, sondern dass er im Gegenteil ein unglaublich hohes Gut ist, das Gut, um das die Syrer kämpfen: protestieren und seine Meinung deutlich machen zu können, ohne um Leib und Leben fürchten zu müssen.

Ein seit Jahren aktiver Castor-Blockierer beschreibt das Schauspiel in Gorleben als „maximal demokratisch praktizierte Protestkultur“. Tausende auf der Straße sitzende Menschen beherrschen tagelang die Medien, und die verlässliche Gewaltlosigkeit der Blockierer bewirkt eine gewaltlose Reaktion der Polizei: Gandhi ist im Wendland näher, als manch einer denkt.

Esther Widmann

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