Notizen

Notizen #3

zeit_der_helden

Noch ein Film, an dem Sam Fuller mitgewirkt hat, steht auf der Liste, mit der alles begann. Tote Taube in der Beethoven Straße, vor einigen Jahren von Dominik Graf als künstlerisches Unikat unter den Tatort-Fernsehfilmen gewürdigt, kann man – laut UNCUT – zur Zeit nicht kaufen (und deshalb nicht sehen). Die Frage ist deshalb, ob das Fernsehen in den letzten zwanzig Jahren besser geworden ist oder schlechter oder einfach nur anders. Mad Men gab es vor zwanzig Jahren noch nicht. In Treatment auch nicht. Breaking Bad und Treme noch weniger. So wenig wie die Sopranos, wie The Wire, wie etc. Das Fernsehen ist so gut wie noch nie. Aber Dominik Grafs Im Angesicht des Verbrechens, das Beste, was das deutsche Fernsehen seit zwanzig Jahren produziert hat (ohne das wir auch alles andere gesehen hätten und das nicht nur, weil, wie sich mitzuteilen eigentlich erübrigt, niemand von uns einen Fernseher hat), drohte mehrfach der Finanzierungsexitus, und als die Serie ihre ARD-Ausstrahlung erlebte, wurden die letzten Folgen verheizt, der Sendetermin wurde vorgezogen und das Finale hastig verheizt, damit an der attraktiveren Stelle wieder Platz im Programm war für weiß der Himmel was sonst, aber für etwas, das die Zuschauer offenbar lieber sehen wollten, weil sie die komplexe Erzählstruktur von Grafs TV-Epos in ihren Sehgewohnheiten, nun ja, überfordert habe. Auch der zweiten Staffel von In Treatment erging es bei 3sat wie einem Roman, der vom Verlag gleich auf den Wühltisch geschickt wird. Einmal in der Woche, Montagnachts eine Folge von etwa zwanzig Minuten. Zeit der Helden, starker Anwärter auf das Zweitbeste, was das deutsche Fernsehen seit zwanzig Jahren produziert hat, konnte sich diesem Schicksal durch einen in der Erzählästhetik angelegten Trick entziehen: Die Erstausstrahlung in dieser Woche erfordert die Ausstrahlung in Echtzeit, weil sich Erzählzeit und erzählte Zeit in diesem Fall decken. Eine einfache Idee. Ob sie ein weiteres Mal funktionieren kann, bleibt abzuwarten. Angeblich lag die Einschaltquote von SWR und ARTE an diesen fünf Abenden noch niedriger als die, die beide Kanäle sonst erreichen.

In den 1980er Jahren schlugen Helden wie Dolph Lundgren, Michael Dudikoff oder Chuck Norris viele ihrer Schlachten gegen Terroristen, den Vietcong oder die Mörder ihrer Frauen in Filmen, die (zumindest in Europa) nie ins Kino kamen, sondern direkt in Videotheken. Mit Aufkommen und massenhafter Verbreitung der DVD, das einherging mit einem weltweiten Videothekensterben von epidemischer Dimension und Geschwindigkeit, ist die Primärrezeption von Fernsehproduktionen von DVD (zumindest in Europa) zum Standard geworden. Das hat nichts mehr zu tun mit den Mitschnitten, die sich gegen enorm hohes Entgelt beim Sender beziehen ließen, wenn Zuschauer eine Folge ihrer Lieblingsvorabendserie verpasst hatten, auch nichts mit den Akte-X-Videoschubern, die heute für wenig Geld neben Spice Girls und Blümchen Single-CDs und alten Bravo-Hits auf Flohmärkten zu haben sind, weil auch die Serien selbst damit nichts zu tun haben. Über die Erzählstrategien dieser neuen Serien, die nicht länger pro Episode in der jeweils gleichen Zeit jeweils einen Fall abnudeln, ist schon viel geschrieben und gesagt worden. Nicht zu Unrecht wird dabei der Roman des neunzehnten Jahrhunderts als Bezugsgröße geltend gemacht. Literarische Gesellschaftspanoramen wie L’Education sentimentale, Vanity Fair oder Middlemarch entwickelten ihre Handlung ähnlich figurenreich und mehrsträngig und benötigten dazu ähnlich viel Zeit, also Seiten, wobei die Kapitel nicht als in sich abgeschlossene Erzählsegmente fungieren, sondern als Gliederungsgrößen, die ursprünglich etwa für den Vorabdruck in Zeitschriften funktionell wichtig waren, sowie die Serienepisoden für die Ausstrahlung im Fernsehen. Der Lektüre des Romans in Buchform entspräche damit das Anschauen einer Staffel von DVD, bei dem die Rezeption ebenfalls selbst bestimmt erfolgt und nicht entlang der Magazinausgaben. Demgegenüber hat der Serientyp der 1980er Jahre – Miami Vice, Ein Colt für alle Fälle, Hart aber herzlich et al. – den Zuschnitt von Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes Erzählungen. Hier löst der Held mit den ihm eigenen Mitteln pro Geschichte ein Rätsel und kehrt zuletzt an seinen Kamin in der Baker Street zurück wie Sonny Crocket auf sein Hausboot, Colt Sievers in seine Wohnküche und Jonathan und Jennifer Heart in ihr breites Ehebett. Und dieser Held ist, wie die Hauptfiguren aus Miami Vice, von Anfang an voll entwickelt, weitere Entwicklungen zwischen der ersten und der zweiten Staffel sind minimal und rein äußerlich (Sonny Crocketts Frisur, die Farbe seines Ferrari). Don Draper, seine Frau und seine Kollegen verändern sich hingegen auch innerlich. Aber kann sich der Mensch überhaupt verändern?

>>> Notizen #4

David Krieger

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