Notizen

Notizen #4

Stunt_Pyrotechnics_Luc_ViatourWir sehen einem Mann dabei zu, wie er bei voller Fahrt auf das Dach seines Wagens steigt. Er schiebt sich vom Fahrersitz aus dem geöffneten Seitenfenster, zieht sich hoch und richtet sich auf, dann steht er eine Weile im Wind wie ein Surfer, während sein Auto auf einem Highway in Florida weiter geradeaus fährt. Ein beeindruckendes Schauspiel und ein wahres obendrein. Wir könnten mit unserer neuen Kamera einen ähnlichen Film drehen, in HD, hätten wir das Glück oder Unglück, den Weg eines Fahrers zu kreuzen, der kurzerhand auf das eigene Autodach steigt. Und auch andere Filme wie „Bauchklatscher aus 11 Metern“ oder „LKW verursacht Horror-Crash“, wären wir zufällig am Ort. Die beiden letzten waren an einem Tag im Frühling die meistgesehenen Videos bei den E-Mail-Portalen GMX und WEB.

Wir kennen solche Clips aus den Jahren von Miami Vice. Damals sahen wir sie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bei  „Pleiten, Pech und Pannen“. Die Sendung und ihr Konzept wanderte in der Folge ins Privatfernsehen ab und innerhalb dessen stetig weiter zum rechten Rand, nicht im politischen Sinne, sondern in den Spalten handelsüblicher Programmzeitschriften, in denen ARD ganz links und VOX ganz rechts zu finden ist. Soziologisch entspricht dieser Verschiebung eine Bewegung in Richtung Prekariat, sagt man, und unterstellt dabei womöglich zurecht, dass das ursprüngliche Publikum nicht mitwandert, sondern sich irgendwo unterwegs, vielleicht auf der Höhe von Kabel 1 von dem Sendeformat verabschiedet hat. Und hier ist die nächste Utopie: Einkommensunterschiede, Wohnungsquadratmeter und Schulabschluss werden nivelliert im Angesicht eines Unfalls mit glimpflichem Ausgang. Selbst wer, wie wir, nicht genau weiß, auf welchem Programm das „Dschungelcamp“ eigentlich lief, weiß oder wusste, wer dort öffentlich interniert war, wir kannten die Protagonisten kurze Zeit nur mit und als Vornamen, von Rainer auch den bürgerlichen Namen, den sogar er, der Antibürger, hat. Wir erfuhren, wer welches Käferbad verschmäht hat, wer erkältet war, wer ausstieg und wer wen anzickte, und wir mussten dafür nicht extra zum Bäcker gehen und die dort zum Verkauf ausliegende BILD-Zeitung anstarren, während man unsere Brötchen eintütete, um all das zu erfahren. Die Pforten unseres täglichen Schriftverkehrs sorgen dafür, dass es uns nicht entgeht. Vor diesen Pforten sind alle Menschen gleich. Und sie leben in einer Welt, in der man mit dem Schrecken davon kommt, wenn ein Lastwagen aus der Kurve getragen wird, in stehende Autos rast und andere dabei zusehen. „Zum Glück ging alles gut“, versichert die Stimme eines Kommentators.

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Anders im Fall des Tsunami und der folgenden atomaren Katastrophe in Japan. Auch hierzu gab es – wie zur Fußballbundesliga – einen „Live-Ticker zum Japan-Beben“, aber etwas in uns sträubte sich dagegen, die Katastrophe mitzumachen, ihr in Echtzeit zu folgen und immer auf dem neuesten Stand zu bleiben. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass wir gerne erst einen Film oder eine Serie zu Ende sehen, bevor wir mit der nächsten beginnen, und dass die weltbewegenden Neuigkeiten einander zu schnell folgten. Die Nachrichten werden mit den Umwälzungen nicht mehr fertig, und wir waren noch zu sehr mit den Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Lybien beschäftigt, um die Katastrophe in Japan überhaupt durchdringen lassen zu können. Das ist keine Entschuldigung. Es ist auch kein Argument. Es ist Erschöpfung.

Wie eine Beschwörung wirkten dabei die Analogiebildungen. Auch das kennen wir vom Fußball. Vergangene Siege, vergangene Begegnungen werden hervorgeholt, wenn Deutschland gegen Österreich antritt, gegen Italien oder England und vor jedem Finale. Keiner weiß, ob es wirkt, aber es braucht Rituale. Der Atomunfall in Japan nahm den fünfundzwanzigsten Jahrestag des Reaktorunglücks von Tschernobyl nur so knapp vorweg, dass die schon vorbereiteten Jubiläumssendungen verfrüht gesendet werden konnten.

Eine andere Parallelaktion wollte dagegen niemand als solche deuten. Wie im Frühjahr 2010 kippte 2011 die Euphorie über ein junges Wunderkind seiner Zunft in mediale Hetze und Häme, weil das Wunderkind des Plagiats überführt wurde. Wir hätten wahrscheinlich etwas mehr über Helene Hegemann und Karl-Theodor zu Guttenberg nachgedacht und geschrieben, wären uns angesichts von mehr als 10.000 Toten und nicht absehbarer Folgen von freigewordener Strahlung Plagiatsaffären nicht lapidar und ein Vergleich unangemessen vorgekommen.

David Krieger

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