QUEMADA Talk

Große Pleite – QUEMADA bei Radio Buschfunk

Am 24. Juni war die Redaktion von QUEMADA zu Gast im Studio bei Radio Buschfunk. In der Sendung “Querschläger” mit MC Dennis ging es um das Nichterscheinen von QUEMADA #1: Cold Fact, um aktuelle Entwicklungen in der Verlagsbranche und die Frage, ob es ein Recht auf Selbstverwirklichung auch auf Kosten anderer gibt. Podcast und das Manuskript zur Sendung gibt es hier.

Große Pleite: Ein Gespräch mit den Herausgebern von QUEMADA.

MC Dennis: Herzlich willkommen bei Buschfunk. Bei mir im Studio sind heute vier Freunde, die vor kurzem eine Zeitschrift gegründet haben. Sasha, David, Zoë und Jan. Ihre Zeitschrift heißt QUEMADA und in diesem Sommer sollte das erste Heft erscheinen. Diese erste Nummer wollten wir Euch, die Ihr da draußen schwitzt, am Baggersee oder wo auch immer, vorstellen.

David: Genau. Das war der Plan.

MC Dennis: Das war der Plan – was ist schiefgegangen?

Jan: „Mach nur einen Plan. Sei nur ein großes Licht. Und mach dann noch nen zweiten Plan. Gehen tun sie beide nicht.“

MC Dennis: Ist das von dir?

Jan: Nein, von Brecht. Was ich damit sagen will, ist: Wir haben uns etwas ausgedacht, aber es hat nicht funktioniert, weil bei Plänen auch immer andere Menschen mit ins Spiel kommen, und ein paar von denen haben uns hängen gelassen. Das klingt sehr trivial, aber in diesem Fall ist es die Wahrheit. So gern ich einfach sagen würde: „Doch die Verhältnisse, die sind nicht so“ – um gleich noch mal Brecht zu zitieren – hier waren es einfach zwei, drei Leute, denen wir nicht hätten vertrauen dürfen.

MC Dennis: Ok. Wer sind diese Leute? Was war da los?

Zoë: Der Crooksbooks Verlag, ein sogenannter Independent Verlag, der unsere Zeitschrift sozusagen produzieren wollte, kann seine Rechnungen nicht bezahlen und ist deshalb auch nicht in der Lage, das Magazin zu drucken.

MC Dennis: Alle reden im Moment darüber, wie es mit dem Suhrkamp Verlag weitergehen soll. Die Feuilletons der großen Zeitungen sind voll davon. Erlebt ihr jetzt so etwas gerade im Kleinen?

Zoë: Ich bin mir nicht sicher, ob man das wirklich vergleichen kann. Suhrkamp hat anscheinend das Problem, dass sich die Anteilseigner gegenseitig nicht ausstehen können und sich jetzt gegenseitig verklagen. Privatbesitz und Unternehmenskapital sind da irgendwie nicht mehr sauber getrennt gewesen, wie es scheint. Die Frau Berkéwicz hat sich in Berlin eine Villa gekauft und sie dann für Veranstaltungen an ihren eigenen Verlag vermietet. Das hat zumindest einen komischen Beigeschmack, selbst wenn es juristisch vielleicht in Ordnung ist. Auch bei Crooksbooks gibt es so eine Vermischung von privaten Dingen und Verlagsmitteln. Das ist von außen schwer zu durchschauen, aber offensichtlich sind Autoren und Übersetzer dort jahrelang nicht bezahlt worden. Das ist das eine. Hinzu kommt, dass sich die Macher dort immer wieder übernehmen und ihre Projekte nicht umsetzen können. Dann lassen sie das Projekt fallen und versuchen ein anderes. So ist es auch mit unserer Zeitschrift. Leider haben wir erst viel zu spät gemerkt, wie unprofessionell die sind. Natürlich sind wir auch selbst Schuld. Ich hab ja selbst ein paar Erfahrungen bei großen Verlagen gesammelt und gesehen, wie die arbeiten. Da war mir so ein kleiner, unabhängiger Verlag sehr sympathisch. Sie waren begeistert von unserer Idee, haben uns angeboten, QUEMADA herauszubringen. Es klang alles ganz toll.

MC Dennis: Mehr Schein als Sein also?

Sasha: Leider ja. Wobei es ja gerade die Scheine sind, die fehlen, also die Geldscheine, meine ich. Um die geht es ja auch immer, wenn irgendwo Kunst gemacht werden soll. Jedenfalls bei denen, die die Kunst vermarkten und verkaufen wollen. Bei den großen Läden weiß man das ja. Aber das Schlimme in diesem Fall ist, dass es offenbar bei Crooksbooks nicht anders zugegangen ist, wie wir jetzt hören. Wir sind ja nicht die einzigen, die von ihnen beschissen worden sind. Es gibt eine ganze Reihe von Autoren und Übersetzern, deren Bücher nie herausgekommen sind. Die drei Verleger haben von dem, was sie mit ihren Büchern verdient haben, das heißt von Druckkostenzuschüssen, Spenden und Crowdfunding-Aktionen gelebt, die Druckereirechnungen konnten sie allerdings irgendwann nicht mehr bezahlen. Total übel wird mir, wenn ich daran nur denke…

MC Dennis: Das ist eine heftige Anschuldigung. In der Presse ist der Verlag ja eigentlich immer sehr positiv dargestellt worden.

Zoë: Die Presse liebt die Independent Verlage, weil sie die Geschichte der jungen idealistischen Verleger liebt – arm aber sexy. Und natürlich haben Crooksbooks auch ein paar gute Bücher herausgebracht, hauptsächlich Lyrikbände, für die es sonst keinen besonders großen Markt gibt. Das ist verdienstvoll, klar.

MC Dennis: Aber?

Zoë: Aber die Kehrseite ist, dass es genauso viele Bücher gibt, die sie angekündigt haben und die nie erschienen sind. Wir wissen alle, wie weh es tut, von einem großen Verlag eine Absage zu bekommen, doch da weiß man zumindest, woran man ist. Bei einem kleinen Verlag bedeutet eine Zusage noch nichts. Strukturell ist das meiner Meinung nach bedenklicher.

Jan: Sasha hat vor kurzem einen Essay geschrieben, der in QUEMADA Nummer 1 erscheinen sollte. Es kommt mir mittlerweile vor, als hätte sie damit unsere jetzige Situation schon vorweggenommen. Ohne dass ich von einer self-fulfilling prophecy sprechen will. Der Hintergrund ist der, dass sie für das Manuskript ihres Romans ein Angebot von einem kleinen Verlag bekommen hat – wir sagen nicht, welcher es ist…

Sasha: Genau, das sagen wir nicht. Das wäre doch zu viel der Ehre…

Jan: …von einem kleinen, jungen Verlag. Und es war ein unmoralisches Angebot. Sie bekam einen Vertrag, in dem der Verlag sich die Rechte an dem Text sicherte, aber ohne dafür irgendeine Gegenleistung zu erbringen. Kein Honorar und noch nicht einmal eine verbindliche Zusage, dass das Buch überhaupt erscheinen würde… Der Essay hat den Titel Der laut trommelnde Zwerg – ein schönes Bild finde ich. Vielleicht hören wir jetzt einen Auszug von Sasha?

MC Dennis: Gerne. Ich bin gespannt.

Sasha: „Kunst braucht Mäzene“ – mit diesem Slogan hat der kookbooks Verlag einige Jahre nach seiner Gründung eine Spendenkampagne gestartet. Dass Kunst Mäzene braucht, scheint mir richtig und gut, doch dass Verleger Mäzene brauchen, daran muss ich mich erst gewöhnen. Ich bin mir nicht sicher, ob es mir schon gelungen ist. Es sollte nicht so sein. Für Verleger scheint es normal, dass sie keiner anderen geregelten Arbeit nachgehen müssen, denn sie publizieren ein gesellschaftliches Gut: Literatur. Diesen Anspruch erheben auch die Gründer neuer Verlage. Sie haben die Hoffnung von Literatur leben zu können. Die Hoffnung ist verständlich. Schwierig wird es, wenn sie zu einer Erwartung wird, die sie sich selbst auf Kosten anderer erfüllen. In diesem Geschäftsmodell werden Autoren, Übersetzer, Illustratoren, Praktikanten, sogar Journalisten zu Gehilfen einer Selbstverwirklichung, die nicht mehr der Kunst dient, sondern dem Ego und der Lebenshaltung der Verleger. Wie schwierig es ist, mit Literatur, mit Büchern überhaupt Geld zu verdienen, weiß jeder, der es versucht hat. Es ist weder die Schuld von Autoren, noch von Verlagen. Wenn aber ein Verlag seine Übersetzer ebenso wenig bezahlt wie seine Autoren und fertige Manuskripte nicht herausbringen kann, aus Geldnot oder Inkompetenz, dabei aber daran festhält, von der Verlegerei leben zu wollen – ist das nicht Ausbeutung ohne Gegenleistung? Was in Wahrheit Ausbeutung ist, wird aber als Kreativität und Unabhängigkeit verkauft, begleitet von lautem Getrommel.

MC Dennis: Vielen Dank. Was du uns gerade vorgelesen hast, erinnert mich an ein Gespräch mit Jack White, das ich kürzlich gehört habe, auch im Radio, allerdings nicht hier bei uns im Buschfunk. Ich glaube Jack White hat auf die Anfrage unseres Kollegen nicht einmal reagiert, doch das ist eine andere Geschichte.

David: Ich glaube ich habe das Interview auch gehört. Jack White macht ja nicht nur selbst Musik, sondern betreibt auch ein sehr erfolgreiches Plattenlabel, Third Man Records. Er hat von ähnlichen Zuständen in der Musikindustrie gesprochen Meinst du das?

MC Dennis: Ja genau, in dem Gespräch sagt er, dass gerade Indie-Labels ihre Künstler oftmals mehr über den Tisch ziehen als die großen Firmen. Und warum? Weil sie damit durchkommen. Weil außer ihnen eh niemand deren Album veröffentlichen würde.

David: Ich fand auch den rechtlichen Aspekt spannend. Er hat gesagt, dass man Majorlabels verklagen könne, aber warum sollte man ein Indie-Label wegen 300 Dollar vor Gericht zerren? Was bei White natürlich auch ein Angriff auf das Talent und die Qualität von Künstlern ist, die weniger erfolgreich sind als er selbst, enthält eine im Kern fatale Wahrheit. Gerade weil niemand anders ein Album oder einen Roman oder einen Lyrikband oder sonstige Texte veröffentlichen will, ist der Urheber, also der Musiker oder Autor dem Label oder Verlag umso hilfloser ausgeliefert. Ob das seinem mangelnden Talent oder der Blindheit der großen Plattenfirmen oder Verlage zuzuschreiben ist, ist dabei vollkommen zweitrangig, denn auch ein Autor mit begrenzten künstlerischen Mitteln sollte nicht denen ausgeliefert sein, deren Mittel ebenfalls, wenn auch auf anderem Gebiet, begrenzt sind. Das trifft es finde ich ziemlich genau.

MC Dennis: Und was wird nun aus QUEMADA?

Jan: Wir arbeiten weiter und suchen einen neuen Verlag oder versuchen den Druck und Vertrieb selbst irgendwie auf die Beine zu stellen.

MC Dennis: Dann drücke ich euch die Daumen. Ich danke Euch für das Gespräch.

Alle: Gern geschehen.

MC Dennis: Habt Ihr noch einen Musikwunsch zum Schluss?

David: Im Namen der ganzen Redaktion wünsche ich mir den Song „You will miss me when I burn“ in der Version von Soulsavers mit Mark Lanegan.

…Will you miss me / When I burn, and will you eye me / With a longing / It is longing that I feel / To be missed for, to be real…

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