Über Musik

Unsere vier Platten des Sommers

Der Sommer ist die beste Zeit, um die Fenster aufzumachen und die Anlage hochzudrehen. Im Auto, am besten in einem bunt bemalten, alten VW Bus, aber auch in den Redaktionsräumen. Wir stellen euch vier Alben vor, die derzeit bei uns auf Heavy Rotation laufen: Grant Harts „The Argument“, Alela Dianes „About Farewell“, These New Puritans „Field of Reeds“ und John Grants „Pale Green Ghosts”.

John Grant Pale Green Ghosts (Roughtrade, 2013)

johngrant-pale-green-ghostsWie viele Plattencover gibt es, auf denen der Interpret ein Buch in der Hand hält? Auf John Mayall and the Bluesbreakers with Eric Clapton liest er, Clapton, immerhin in einem Comicheft und ein paar andere wird es auch noch geben, aber meistens halten die Musiker nach wie vor Gitarren. Nicht John Grant. Auf seinem zweiten Soloalbum, Pale Green Ghosts, ist der frühere Kopf der Czars mit einem Buch in der linken und einem Kaffelöffel in der rechten Hand abgebildet. Er sitzt in einer getäfelten isländischen Kneipe und schaut, man kann es nicht anders nennen, grantig. Hat das Foto schon Posterqualität, so sind von den elf Songs mindestens sechs Stück mindestens erhaben. Die ersten beiden täuschen noch mit Synthieinstrumentierung einen 80er Jahre-Fimmel vor, doch dann folgt mit akustischer Gitarre und warmem Timbre gesungen GMF, seit dem ersten Hören mein Song und Songtext des Jahres in einem. „I am the greatest motherfucker that you’re ever going to meet/From the top of my head down to the tips of the toes on my feet/So go ahead and love me while it’s still a crime/Don’t forget you could be laughing 65% more of the time.“ Und das ist nur der Refrain. It Doesn’t Matter to Him ist ein schwuler Torchsong, der Rufus Wainwright in den Schatten stellt. Vietnam wäre gut genug, um eine Musikerkarriere drauf zu zimmern, Sensitve New Age Guy hat einen großen Titel, und I Hate This Town ist eine Hymne für alle, die längst hätten wegziehen sollen: „You know I hate this fucking town/You cannot even leave your fucking house/without running into someone/who no longer cares about you.“ Genug gesagt. // Jan Winkler

Grant Hart The Argument (Domino, 2013)

grant hartThe Argument, der Titel von Grant Harts neuem Album – Plattensammler kennen ihn als Co-Piloten der Kultband Hüsker Dü – geht auf ein unveröffentlichtes Paradise Lost -Remake von William Burroughs (Naked Lunch? Naked Lunch!) zurück. In der Fassung von Burroughs sind John Miltons Engel ein Schwarm Aliens und der frühere US-Präsident Harry S Truman ist Gott. Was bei der heutigen Milton-Lektüre, immerhin einem Klassiker aus dem 17. Jahrhundert, angestaubt wirkt, lässt Grant Hart zum Glück unter den Tisch fallen. Die religiösen Motive des Originals, den Sturz Luzifers und die Vertreibung Adams und Evas aus dem Garten Eden, inszeniert er als persönliche Katastrophen. Von denen hielt das Jahr, in dem er das Album aufnahm, nicht wenige bereit: seine Eltern wurden von einer Pflegerin um den größten Teil ihres Ersparten betrogen und sein Haus brannte ab, zusammen mit seiner Plattensammlung und fast allem, was er bis dahin besessen hatte. Wenn er in I Will Never See My Home singt: „I am looking to escape from, this decimated hellscape“, dann ist das natürlich auch als Kommentar seiner eigenen Situation zu verstehen. Gott ist nicht gerade sanft mit Grant Hart umgegangen, dafür hat er mein Album des Sommers 2013 aufgenommen. Let’s praise Grant Hart! // Sasha Petrova

These New Puritans Field of Reeds (Roughtrade, 2013)

These-New-Puritans-Field-of-ReedsWir leben künstlerisch, intellektuell und gesellschaftlich in einem Zeitalter jenseits von jenseits. Auf das Off-Broadway-Theater folgte Off-Off-Broadway, in der Architektur ist die Postmoderne von der Post-Postmoderne abgelöst worden und in der Popmusik ist nach Postrock auch die nächste Stufe erreicht. Auf dieser nächsten Stufe bewegt sich das neue Album der britischen  Band These New Puritans.  Instrumentiert mit Streichern, etwas Klavier, Kinderchor und elektronischen Loops sind die Aufnahmen dieser Platte zugleich Auflösungen: von Songstrukturen und dem, was noch unter eine konsensfähige Definition von Rock und Rockband passt. Melodisch erinnert  Field of Reeds bisweilen an das, was Mark Hollis in seiner kurzen Post-Talk Talk Phase versucht hat, oder an Post-OK Computer-Radiohead, aber ohne das Gefrickel und die zackernden Rhythmen. Mitsingen unmöglich. Handyklingelton untauglich. Kann es eine bessere Empfehlung geben? // David Krieger

Alela Diane About Farewell (Believe Digita/Soulfood, 2013)

Alela DianeIch habe mir diesen Sommer eine Platte von Alela Diane gekauft, weil ich das Cover mit der Retro-Schwarzweißfotografie mochte. Erst später habe ich mehr über sie erfahren. Diane kommt aus Nevada City, einer Kleinstadt in Nordkalifornien, in der auch Joana Newsom lebt (die Frau mit der Harfe und der hohen Stimme). Zwei Sängerinnen mit langem Haar und lyrischen Songtexten im selben Dorf? Klingt ein bisschen so, als entstünde dort auf dem Land eine neue Freak-Folk-Szene. Dianes Songs sind weniger rokkokohaft-verspielt als die von Newsom, was mir gut gefällt. Im Unterschied zu einem Newsom-Album kann man eines von Diane nämlich auch auflegen, wenn man nach einem anstrengenden Sommertag mit leichtem Kopfweh nach Hause kommt. Ihre Stimme ist weniger exzentrisch und gibt der Musik einen traditionelleren US Folk Anstrich. About Farewell ist, wie der Titel schon vermuten lässt, ein Break-up-Album: „I heard somebody say / That the brightest light cast the biggest shadows / So honey, I’ve to let you go.“ Und wer sehnt sich in diesen Tagen nicht nach Schatten? // Zoë Tannenbaum

Advertisements