Essay

Du, ich oder die grünen Erben von Helmut Kohl

Meine erste Erfahrung mit Parteipolitik habe ich in der zwölften Klasse gemacht, zu der Zeit als Gerhard Schröder im Bundestagswahlkampf gegen Angela Merkel antrat. Die SPD steckte mal wieder in einem Rekordtief und Schröder setzte zu einem gigantischen Endspurt an. Ich habe ihn in diesem Sommer, bevor Merkel Kanzlerin wurde, in Frankfurt am Main bei einer Wahlkampfveranstaltung gesehen. Der Platz vor der Alten Oper war voller Menschen, wie bei einer Fußballübertragung, und bevor es losging, trat Franz Müntefering ans Mikrofon und auch das, was er sagte, klang wie der Kommentar eines Fußballmoderators: „Und jetzt, meine Damen und Herren, jetzt kommt Gerhard Schröder, und der knallt ihnen das Ding rein!“

Ein paar Wochen später beschloss ich zusammen mit einer Freundin, mich bei den Jusos zu engagieren. Wir gingen gemeinsam zu einem Treffen der Ortsgruppe in der Frankfurter Vorstadt, in der wir beide aufwuchsen. Ich hatte in meinem Zimmer gerade ein rot leuchtendes Che Guevara Poster an die Tür geheftet und las in einer alten Taschenbuchausgabe, die ich vom Flohmarkt hatte, die Gedichte von Pablo Neruda; politisch aktiv zu werden, schien folgerichtig. Das Ortsgruppentreffen fand im Café Paparazzi statt, einem italienischen Bistro, das am Straßenkreisel lag, der die Autobahnzubringer durch den Ort leitete. Zwei der drei Ortsgruppenmitglieder kannte ich bereits aus dem Volleyballverein. Wie sich herausstellte, nutzten sie die Treffen, um auf Kosten der Partei Radler zu trinken und Pizza zu essen. Alle fanden das ganz okay so und es schien überhaupt eine verbreitete Taktik der Mitgliederrekrutierung zu sein. Von einem anderen Bekannten hörte ich, er sei am Wäldchestag der Jungen Union beigetreten, weil er auf diese Weise für einen Abend Freibier trinken durfte. Ob er deshalb auch Merkel wählte, sagte er nicht. In meiner Vorstellung war Politik nicht mit Biertrinken verbunden, sondern mit Diskussionen über die Möglichkeiten zur Veränderung der Gesellschaft. Insgesamt unterschied sich meine Erfahrung mit Regionalpolitik indessen nicht wesentlich von denen, die Freunde in etwa zur gleichen Zeit in anderen Vororten anderer deutscher Städte machten und auch die Schlüsse, die wir daraus zogen, waren ähnlich. Wir engagierten uns eher bei Greenpeace oder dem Bund für Umwelt und Naturschutz als bei einer Partei und wenn doch, dann am ehesten bei den Grünen.

Seit ich mich erinnern kann, heißt es, meine Generation sei unpolitisch. Ich glaube nicht dass das stimmt, es kommt vielmehr auf das Verständnis von Politik an, das man dieser Aussage zugrunde legt. Wenn Politik nur Dinge einschließt, die in Bundestagsdebatten vorkommen, sind wir wohl tatsächlich nicht besonders politisch. Und vielleicht wurde in den 60er Jahren auf Partys tatsächlich noch öfter über die CDU und die SPD und die APO diskutiert. Das kommt heute wirklich selten vor. Sehr oft wird auf Partys hingegen darüber gesprochen, wer sich seit Neustem vegan ernährt, von welchem lokalen Bringdienst Obst und Gemüse bezogen werden und dass es schon in Ordnung ist, für Ökostrom ein bisschen mehr zu bezahlen. Wenn es um unsere Ernährung und unser Einkaufsverhalten geht, können wir sehr ethisch denken. Hat also der ökologische den politischen Diskurs abgelöst? Tatsächlich kommt es mir manchmal so vor, als sei es leichter, eine klare Meinung zu äußern, wenn es um Themen wie Umweltzerstörung und Massentierhaltung geht als um unser Bildungssystem und die Altersvorsorge, geschweige denn Naher Osten, Afghanistan, die unübersichtlichen Brettspiele und Verfilzungen zwischen Regierungen, Erdgasmagnaten und Zollabkommen. Während wir also im einen Bereich dazu tendieren, uns auf das Sowohl-als-auch-Spiel politischer Unentschiedenheit – um nicht Gleichgültigkeit sagen zu müssen – einzulassen, ermöglicht der ökologische Diskurs eine klare ethische Stellungnahme: Wir wollen nicht, dass die Natur zerstört wird, so einfach ist das. Diese Haltung wird momentan, so wie alle kulturellen Strömungen, die einmal aus einem positiven Gedanken heraus entstanden sind, kommerziell vereinnahmt. Während Stromkonzerne uns mit Hochglanzaufnahmen von Windrädern und Solarpanels weismachen wollen, wir könnten weiter so viel Strom verbrauchen wie wir wollen, sollten wir doch eigentlich beginnen, unser Konsumverhalten radikal zu überdenken – und dann auch entsprechend zu verändern. Wer sich dabei ein bisschen anstrengt, kommt zu dem Schluss, dass Windräder nicht die einzige Alternative zu Atomkraftwerken sind. Weniger zu konsumieren, weniger herzustellen und wegzuwerfen, ist auch eine. Wir wollen den Kapitalismus nicht abschaffen, doch wir wollen ihn im Zaum halten, wie Efeu: Er ist Teil des Gartens, doch er soll ihn nicht überwuchern und dabei fast alle anderen Pflanzen zerstören.

Das neoliberale Dogma eines freien Marktes, der unbegrenzt weiter wächst, übersieht, dass die Erde endlich ist. Wer einmal einen Apfelbaum abgeerntet hat weiß, dass irgendwann keine Äpfel mehr dran hängen. Irgendwann ist der Baum leer. Doch viele Menschen wissen gar nicht, dass Äpfel in Gärten wachsen. Für viele Menschen kommen Äpfel aus dem Supermarkt. Um zu wissen, dass ein Apfelbaum irgendwann abgeerntet ist, muss man einmal einen Apfelbaum gesehen haben. Das ist heute schon ein Privileg. Wenn ich „wir“ sage, dann meine ich eine Schar von Leuten, die in etwa so alt ist wie ich und die dieses Privileg genossen haben. Wir sind eine Generation weißer Mittelschichtskinder, die alle irgendwann in den 80er Jahren zur Welt gekommen sind. Während viele unserer Eltern es sich leisten konnten, ein Haus irgendwo „im Grünen“ zu kaufen, während unsere Eltern häufig die CDU wählen, wählen wir also grün. Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Gärten es uns ermöglicht haben, ein ökologisches Bewusstsein zu entwickeln. Angeblich besteht sogar ein direkter statistischer Zusammenhang zwischen den CDU wählenden Eltern in grünen Vorstädten und ihren grün wählenden Kinder. Zyniker sagen, die Wahl der Grünen bereite die Kinder auf ihr Erbe vor, doch als Erklärung reicht das nicht aus. Vielmehr prägte uns die Erfahrung, in einer Vorstadt aufzuwachsen auch in anderer Hinsicht. In einer Vorstadt zu leben hieß, sich nach der Stadt zu sehnen und es hieß, auf Trampelpfaden durchs Dickicht kleiner Wäldchen am Stadtrand zu gehen oder mit dem Fahrrad durch die Obstfelder zu sausen. Als Kinder spielten wir hier fangen und verstecken, später hockten manche von uns hier in den Büschen und rauchten heimlich Gras, oft sogar aus regionalem Anbau. Die Natur an den Rändern der Stadt eröffnete einen wilden, unkontrollierten Freiraum, den wir heute wieder suchen, wenn wir Urban Farming und wildes Gärtnern auf Parkplätzen betreiben. Wir machen die Stadt, in der wir inzwischen leben, zu unserem eigenen Garten und suchen dabei auch einen Gegenraum zu den Selbstoptimierungszwängen des Arbeitsmarktes.

Ich glaube wir fühlen uns dabei alle ein wenig wie Thoreau, der 1845 für zwei Jahre in einer selbstgebauten Hütte am Walden Pond lebte und anschließend einen Essay darüber schrieb. In Walden; or Life in the Woods beschreibt Thoreau, wie er in die Natur zog, um zu demonstrieren, dass ein anderes Leben als der übliche Arbeit-Freizeit-Arbeit-Trott möglich ist, und dass der Mensch, wenn er sich aufs Notwendigste beschränkt, unabhängig sein kann. Zugegeben, der Walden Pond lag nicht besonders weit entfernt vom nächsten Dorf, und eine Eisenbahnlinie führte auch daran vorbei, doch es war immer noch die Natur und Thoreaus Gedanken leuchten ein: Wer weniger konsumiert, schützt die Umwelt und braucht zugleich weniger Geld und weil er entsprechend weniger arbeiten muss, hat er mehr Zeit, sich den „essential facts of life“ zu widmen; auch die Natur wird auf diese Weise neu wahrgenommen. Sie ist nicht mehr nur eine ökonomische Nutzfläche sondern vielmehr ein unergründliches Anderes, ein großer, wilder Garten. Hier berühren sich ökologisches und ökonomisches Denken. In England nennt man Menschen, die Ökologie und Kapitalismuskritik auf diese Weise miteinander verknüpfen „Eco-Socialists“, „Red-Greens“ oder veralbernd auch „Watermelons“, weil sie sich nach außen grün geben, in Wirklichkeit aber rot sind. Eine vergleichbare politische Strömung fehlt im Parteiensystem Deutschlands. Eine Rot-rot-grüne Koalition ist auf Bundesebene bislang nicht zu Stande gekommen – aufgrund inhaltlicher Differenzen, insbesondere zwischen Grünen und Linken. Zwar sind die Grünen für soziale Gleichheit, doch wenn es zu Entweder-oder-Entscheidungen kommt, geht Baum vor Mensch. Dabei handelt es sich strukturell um dasselbe Problem. Thoreau hat es auf den Punkt gebracht, als er betonte, Natur und Mensch könnten nur dann geschützt werden, wenn sie sorgsam behandelt würden:

„The finest qualities of our na­ture, like the bloom on fruits, can be preserved only by the most delicate handling. Yet we do not treat ourselves nor one another thus tenderly.“

Umweltzerstörung und soziale Ungerechtigkeit haben demnach die gleichen Wurzeln. Sie resultieren daraus, dass wir unsere Umgebung ausnutzen, dass wir auf Kosten anderer und eben auch auf Kosten der Natur leben. Auch dagegen stellen wir uns, wenn wir die Natur schützen wollen. Wir wollen niemanden ausbeuten und wir wollen selbst nicht ausgebeutet werden. Zu sagen, grünes Denken sei romantisch-verklärend, aber nicht politisch, übersieht, dass der politische Diskurs längst nicht mehr ohne den ökologischen verstanden werden kann.

Zoë Tannenbaum

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