Notizen

Notizen #5

„In der Nacht, in der ich diese Zeilen schreibe, gegen 4:30 Uhr, explodieren unterhalb meines Hotelzimmers in Bengasi zwei Sprengsätze. Wenig später entführen zwei Bewaffnete einen jordanischen Arzt aus seinem Zimmer im ersten Stock. Offenbar sind sie Mitglieder eines der vielen Geheimdienst-Komitees. Sie verdächtigen den Arzt der Spionage für Gadhafi.“

Das ist nicht der Anfang eines Romans von Eric Ambler oder John Le Carre, sondern das Ende eines Artikels von Wolfgang Bauer in der ZEIT vom 10. März 2011. Wir wissen nicht, ob Gil Scott-Heron recht hatte, als er schrieb und sang: „The Revolution Will Not Be Televised“. Was er meinte, richtete sich an die Schwarzen seiner Generation, die Ende der sechziger Jahre in den USA für Gleichberechtigung kämpften. Seit 1989 wissen wir aber, dass sogar die Revolutionen im eigenen Land durchaus im Fernsehen übertragen werden. In einem Kapitel von Günter Grass’ Mein Jahrhundert läuft irgendwo „mit fast auf Null gedrehtem Ton das Fernsehen“ jemandem fällt „mit kurzem Blick in Richtung tonlose Mattscheibe auf, daß dort offenbar ein Film lief, nach dessen Hand­lung junge Leute auf die Mauer kletterten, rittlings auf derem oberen [sic] Wulst saßen und die Grenzpolizei diesem Vergnügen tatenlos zuschaute. Auf solche Mißachtung des Schutzwalls aufmerksam gemacht, sagte der Bekannte meines Bekannten: ›Typisch Westen!‹ Dann kommentierten beide die laufende Geschmacklosigkeit – ›Bestimmt ein Kalter-Kriegs-Film‹ – und waren bald wieder bei den leidigen Sommerreifen und fehlenden Winterreifen.“ Mittlerweile ist der Überraschungseffekt weg. Was wir sehen, glauben wir wieder, auch wenn es unglaublich aussieht. „In einer modernen Gesellschaft“, schreibt Susan Sontag, „bilden mit der Kamera gemachte Bilder den wichtigsten Zugang zu Wirklichkeiten, die sich unserer direkten Erfahrung entziehen. Und es wird von uns erwartet, dass wir eine unbegrenzte Zahl an Bildern von dem, was wir nicht unmittelbar erfahren, aufnehmen und registrieren. Die Kamera definiert für uns, was wir als >wirklich< gelten lassen – und sie schiebt die Grenze des Realen immer weiter hinaus.“

Trotzdem freuen wir uns, dass es vor dessen Tod 2011, von dem wir noch nichts wissen konnten, ein neues Album von Gil-Scott Heron gab, an das Jamie XX Hand angelegt hat. Im UNCUT Magazin hat es vier von fünf möglichen Sternen bekommen.

Während wir das schrieben, gingen auf der Straße die Laternen an. In Belgien, in hundert Metern Entfernung von der Nordsee, wird es im Sommer abends etwas früher dunkel als in der Mitte Deutschlands. Wir wussten nicht, ob die Sprengsätze in Bengasi jemanden verletzt oder getötet haben. Während wir diese letzten Zeilen schrieben, wussten wir nicht, wie es weitergeht.

David Krieger

>>> Notizen #6

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