Über Musik / Notizen

Notizen#6

Filmstill aus "Bula Quo"

Filmstill aus “Bula Quo”

Wir alle lieben Cover-Bands. Auch wenn wir es nicht zugeben wollen. Oder tun wir es nicht? Sie haben etwas, das uns zutiefst erschüttert und sie rühren uns mit ihrer Zuverlässigkeit, mit der Unverdrossenheit, mit der sie tun, was sie tun, durch ihre klägliche Rolle, in der sie etwas sein müssen, was sie nicht sind, und zugleich nichts anderes sein können. Musiker in Cover-Bands sind nicht die wahren Helden des Rock’n’Roll, sondern dazu verdammt, als Imitatoren die Lieder der Großen und Erfolgreichen an Orte und vor ein Publikum zu bringen, zu denen die echten Großen und Erfolgreichen in der Regel nicht gelangen. Die Oldie-Night ist ihr Glastonbury, das Biker-Treffen ihr Rock am Ring und die Weinfeste, Jahrmärkte, Hochzeiten im Hinterland und Baumarkteröffnungen bestimmen ihren Tourneeplan. Es gibt sie überall und sie werden überall gebraucht. Mit einer Coverband erfolgreich zu sein ist ähnlich wie zum schottischen Fußballer des Jahres gewählt zu werden. Oder Redakteur bei QUEMADA zu sein. Aber manchmal rächt sich die Geschichte und zieht die Großen, die Götterlieblinge von einst hinunter in die Vorhölle und auf dieselben Bühnen, auf denen die Cover-Bands tapfer ihr Werk verrichten. Dann treten Manfred Mann’s Earth Band oder Uriah Heep oder was von ihnen übrig ist und den Rechtstreit um den berühmten Namen gewonnen hat, im Kurpark auf und rocken ihren alten Hit (oft hatten sie nur den einen) als coverten sie den von anderen.

An unserem letzten Abend vor der Rückreise sitzen wir hinter dem Haus im Garten und überlassen anderen den Sonnenuntergang am Meer. Von ferne tönt Musik zu uns herüber. Die Fußgängerzone des Orts ist seit gestern schon gesperrt für ein Karussell, einen Autoscooter, für Zuckerwattebuden und Pommesstände. Zweihundert Meter weiter, im kleinen Kurpark, ist remmidemmi, wie unsere Eltern sagen würden. Vielleicht sind unsere Eltern auch dabei, denn die Musik stammt sozusagen aus ihrer Zeit. Eine Coverband spielt und wir spielen „Rate den nächsten Song“. Jeder zerreißt ein Blatt Papier zu kleinen Zetteln und schreibt seinen Tipp darauf, dann kommt der Zettel in einen Strohhut und wir warten. Beim nächsten Lied ziehen wir die Zettel aus dem Hut und sehen uns die Tipps an. Sie bleiben immer gleich, nur in anderer Reihenfolge: „We will rock you“, „Proud Mary“, „Whiskey in the Jar“, „99 Luftballons“, „Who the Fuck is Alice“, „Lady in Black“, „Smoke on the Water“. Doch es kommt anders. Jeder nächste Song ist wieder einer, den wir irgendwie aus dem Radio kennen, aber nicht ganz genau zuordnen können. Endlich ist einer dabei: „In the Army now“. Wir entwickeln eine neue  Faustregel für Coverband-Setlists: Wenn Du nicht ganz sicher bist, ist es Quo.

Die Sonne ist ohne uns untergegangen, die Welt vielleicht auch, nach allem was wir wissen, denn alle Smartphones und Newsfeed-kompatiblen Empfangsgeräte haben wir im Haus gelassen. Über den Dächern hängt ein letzter Kupferschimmer, wir lassen die Arme über Stuhllehnen baumeln und die Zigaretten glimmen im Dunkeln wie Ampeln auf Nachtschaltung. Wir warten auf das Ende des Konzerts und auf den letzten Song. Die Zettel sind auf dem Tisch verstreut wie Nieten nach der großen Tombola, wir haben das Spiel aufgegeben. Und dann ist es soweit: „Rockin all over the World“. Jemand springt auf. Status Quo! Sie waren es wirklich! Oder nicht.

Ab 7.11.2013 auf DVD: “Bula Quo” in kongenialer deutscher Synchronfassung:

 David Krieger

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