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Berlin-Trilogie. Drei Romane über den Osten. Von AMELIA ATLAS

IMG_2574Die Berliner U-Bahn, genau wie die New Yorker U-Bahn, ist eine erstaunlich gut geeignete Umgebung, um sich allein zu fühlen. Die Menschen vermeiden Blickkontakt im Gedränge, und die Stimme des deutschen Ansagers hat eine trällernde Weichheit, die dem hartkehligen Ruf, in dem diese Sprache steht, widerspricht. Das ganze Jahr, in dem ich in Berlin lebte, war die U-Bahn der Ort, an dem ich Zeit in meinem eigenen Kopf verbrachte, während ich in den Tag hineinglitt. Als lebenslange Stadtbewohnerin war ich an die unausgesprochene gemeinschaftliche Übereinkunft öffentlicher Privatsphäre gewöhnt, eine Übereinkunft, die es gestattete, die abgewetzten Vinylsitze wie den Lehnstuhl in meinem Wohnzimmer zu behandeln. Es war ungewöhnlich, dass eines Tages, als ich in der U1 durch Kreuzberg fuhr, meine Scheineinsamkeit unterbrochen wurde durch das Einsetzen von Paranoia. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass die Menschen entsetzt seien darüber, was sie sahen, wenn sie mir über die Schulter schauten. Ich las Die Wohlgesinnten, Jonathan Littells grässlichen Roman über Nazi-Sadomasochismus. Das Problem war nicht so sehr die Brutalität des Romans – obwohl das sicherlich auch nicht gerade half –, sondern, dass ich etwas über Nazis las, auf Englisch, in Berlin. Ich befürchtete, für einen dieser Voyeurtouristen gehalten zu werden, der nicht in der Lage ist, in Deutschland etwas anderes zu sehen als Hakenkreuze.

Zwei kürzlich erschienene Romane von Berlin-Expats behandeln das Verhältnis des Außenseiters zur Vergangenheit der Stadt: Chloe Aridjis leise kontemplatives Book of Clouds und Anna Wingers hoffnungslos patriotisches This Must Be the Place. Im Abstand nur weniger Monate veröffentlicht, haben beide als Ausländerinnen in Berlin lebende junge Frauen zum Thema, beide im Unklaren darüber, wie genau sie hier eigentlich dorthin hinkamen, wo sie gerade sind. Am Anfang von Book of Clouds ist Tatjana seit fünf Jahren in Berlin, sie arbeitet in unregelmäßigen Jobs und als Testpilot für das Leben in den verschiedenen neuen Trendvierteln des ehemaligen Ostens. In This Must Be the Place begegnen wir der ebenso ziellosen Hope, einem New Yorker Transplantat, das seinem als Geschäftsmann tätigen Ehemann ins Ausland gefolgt ist. Für beide Figuren, die an einer Abbruchkante ihrer eigenen Vergangenheit stehen, könnte Berlin ebenso gut der Teich des Narziss sein.

Dass Berlin irgendwann anfangen würde in Romanen aufzutauchen, ist nicht überraschend. Obwohl die Mauer seit zwanzig Jahren weg ist, hat es die Stadt irgendwie geschafft, seit fast einer Dekade als die nächste große Sache im Rennen zu bleiben. Die Mieten sind bemerkenswert günstig – die Stadt hinkt ihrer Vorkriegspopulation von 4,4 Millionen immer noch um 1 Million hinterher – und die Auswahl an umwandlungsbereiter Industriearchitektur lässt Williamsburg wie ein hippes Legoland aussehen. Zwar hat die Gentrifizierung ohne Zweifel eingesetzt, aber sie geht nur langsam vonstatten, einfach weil es so viel aufzuholen gab und immer noch gibt. Der Bohemetraum des Schriftsteller-Künstlers wird grenzenlos ausgelebt, nicht im existenziellen, sondern im räumlichen Sinne; trotz der gelegentlichen Hausbesetzer-gegen-Polizei-Geplänkel ist es einfacher, so zu tun, als ob Entwicklung nicht gleichbedeutend wäre mit steigenden Kosten wie sonst überall. Jeder, den man trifft, ist entweder Graphikdesigner oder DJ.

Kein Artikel über Berlin kommt aus ohne den Lieblings-O-Ton der Medien vom Oberbürgermeister der Stadt, Klaus Wowereit, also auch hier: Berlin ist “arm aber sexy”. Das ist, wenn man fair ist, eine vernünftige Einschätzung der wirtschaftlichen Situation der Stadt. Die Arbeitslosigkeit beträgt zur Zeit etwa 12,5 Prozent, und das ohne die ziellose Population der Expats, für die ‘Arbeit’ ein relativer Begriff ist. Berlin hat seine Armut in eine Art kulturelles Kapital verwandelt – die ungeschliffenen Kanten halten die Stadt bei der künstlerischen Vorhut, als Bastion der Coolness in einer Nation, die ansonsten die wirtschaftliche Führung der EU übernommen hat. Das ist, aus offensichtlichen Gründen, keine Situation, die sich aufrechterhalten lässt: mit der Kunst kommt Geld kommt Entwicklung, und die Stadt hat bereits Platz geschaffen für neue Apartmentkomplexe. (Ein besonders abscheuliches Beispiel, auf dem berühmten Boulevard Unter den Linden, nennt sich ‘Upper Eastside Berlin’!). Aber zumindest im Moment bleibt Berlin die beste beider Welten – ein Spielplatz mit der Ernsthaftigkeit auf seiner Seite.

Hinter den Bürogebäuden in den Seitenstraßen in Mitte schneidet der grasbewachsene Verlauf des Todesstreifens – die Trasse von freier Fläche, gespickt mit bedrohlichen Wachtürmen zwischen den parallel verlaufenden Betonbändern der Mauer – noch immer durchs Stadtbild, weniger eine Narbe als eine Klammer. Städte haben in der Regel ihre eigene Hochphase der Schickheit, zumindest, was die Literatur betrifft – die bohemehafte Runtergekommenheit von Paris im 19. Jahrhundert, Bloomsbury London, New York mit seinem Jazz Age Glanz. Der aggressive Marsch der Geschichte durch Berlin hat dazu geführt, dass dessen Momente der Selbstverwirklichung immer vorzeitig abgebrochen werden; irgendwie schafft Berlin es, ständig auf der Schwelle zur Verwandlung zu stehen, ohne sie jemals ganz zu vollziehen. Der Vorteil dieses Schwebezustandes ist, dass die Stadt nie rechtzeitig fertig wird und ihr Erscheinungsbild für neue Vorstellungen offen bleibt.

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Aridjis Cover Book of Clouds, die erste von den zwei englischsprachigen Variationen über den ‘Berlin-Roman’, wirkt manchmal wie ein Essay im Kostüm eines Romans; es passiert wenig. Aridjis Interessen scheinen weniger auf das Erfinden von Geschichten gerichtet zu sein als darauf, die unheilvollen Schichten der Geschichte Berlins aufzudecken und auch deren Art, sich bei offener Sicht dem Blick zu entziehen. Tatiana, in sich gekehrt und allein und abgewandt von allem, was emotionale Teilnahme verlangen könnte, ist das perfekte Augenpaar für Aridji. Als mexikanische Jüdin ohne Bindungen an ihre Heimat führt sie ihre einzige wirkliche Beziehung mit Berlin. Sie verbringt ihre Tage in absichtlicher Isolation, indem sie durch die Straßen streunt und die urbane Landschaft mit einer ans Anthropologische reichenden Aufmerksamkeit dokumentiert. Ihre Stelle als Forschungsassistentin von Dr. Weiss, einem ehemals berühmten Historiker des kriegsnarbigen Berlin, fördert ihre Vorliebe für das Morbide nur weiter. Einen Teil des Vergnügens von Book of Clouds macht (zumindest, zugegeben, für den zügellosen Expat) dessen Katalog von Berlin-Details aus: die gelben Straßenbahnwaggons der ehemaligen Ostens; die hoch aufragende Kugel des Fernsehturms am Alexanderplatz; die Altbauten im Prenzlauer Berg, Berlins Antwort auf Reihenhäuser aus Braunsandstein, die die gentrifizierten Viertel der ehemaligen kulturellen Grenze durch die Stadt säumen. Aber diese Details sind nie ohne ein gespenstisches Gegenstück. Der umgebaute Wasserturm in Tatianas Viertel, der jetzt Apartments beherbergt, entpuppt sich als Folterstätte für antifaschistische Gefangene der SA. (Solche Dinge passieren in Berlin dauernd: ich habe einen Sommer lang gegenüber eines ehemaligen Verhörquartiers der Stasi gelebt, ohne es zu merken.) Für jede gemütliche Kneipe in Book of Clouds gibt es einen anderen Ort, der seine latente Gruseligkeit nicht ganz verbergen kann. Tatianas einziger Vorstoß in Berlins jugendliches Nachtleben, eine Party in einem verlassenen Postamt, endet damit, dass sie sich in einer ehemaligen Gestapo-Kegelbahn unter der Erde verläuft.

Der Griff, in dem die Stadt von ihrer Geschichte gehalten wird, ist bei Aridji nicht zu trennen von Tatianas eigenem Stillstand. “Seit ich in Berlin angekommen bin, bin ich ein Fachmann auf dem Gebiet der verlorenen Zeit geworden”, sinniert Tatiana. “Es war unmöglich, über all die Stunden Rechenschaft abzulegen. Die Zeiger von Turm- und Armbanduhren sprangen voraus oder hinkten hinterher, wie es ihnen gefiel. Die Stadt lief nach ihrem eigenen chronometrischen Maßstab. Tage gingen zu Ende und ich fragte mich, was ich geschafft hatte, wie sich heute von gestern und dem Tag davor unterschiede.” “Es war”, bemerkt sie später, “keine produktive Art des Alleinseins… sondern eher eine stagnierende, unfruchtbare, die immer nur noch mehr Stagnation und Unfruchtbarkeit ausbrütete.” Das ist grundlegende Erfahrung der Expats überhaupt: Zeit, die damit verbracht wird, Zeit zu verbringen.

Es ist ein Dilemma, für das ich Sympathie habe. In Berlin findet man sich leicht im Würgegriff einer ungewöhnlichen Trägheit. Die Topographie der Stadt, zugleich anziehend und befremdend, eignet sich als Spielzeug zur Ablenkung. Die physische Fremdartigkeit Berlins ist schwer zu beschreiben, aber ich bin mir sicher, dass es die einzige kosmopolitische Hauptstadt Europas ist, in der man sich mitten in der Stadt auf dem Weg zu einer Party in einer mehrere Blocks umfassenden Sandgrube verlaufen kann. Diese bizarre Offenheit – das Gefühl weitläufigen Raumes inmitten der Stadt – hat den zusätzlichen Effekt, die Zeit zu dehnen. Es gibt nicht diese komprimierte Geschäftigkeit, die eine Stadt wie New York vorwärts treibt.

Für Tatiana ist die verspielte Seite der Stadt weniger interessant. Statt mit Menschen und Beziehungen nährt sie ihre Obsessionen mit den makabren Schatten der Stadt, angestiftet von Doktor Weiss. In diese Düsterkeit tritt Jonas Krantz, ein Meteorologe aus dem früheren Osten, zu dem Tatiana von Weiss geschickt wird, um ihn über einige Zeichnungen zu befragen, die er als Kind gemacht hat: Ameisen, die unter der Berliner Mauer in Richtung Freiheit hervor krabbeln. Krantz ist ein handfester Repräsentant des Berlin der Jetztzeit. “Weiss hält sich zur sehr auf mit Orten, die einmal waren”, bemerkt er. “Aber Berlin kann nicht nur ein Museum des Horrors sein. Es muss eine Erneuerung geben.”

In Aridjis Roman tragen die, die die Stadt ein Museum des Horrors sein lassen wollen, den Sieg davon. Als Tatiana und Weiss aus Jonas’ abgelegener Wohnung zurückkommen, greifen zwei Schläger sie an, nur um dann in Verwirrung gestürzt zu werden vom Einsetzen eines mysteriösen Nebels – die Wolken aus dem Titel sinken zu Boden. Die Hülle dieses seltsamen Wetters ruft ein Rekordhoch von Kriminalität hervor in einer Stadt, in der normalerweise Fahrraddiebstahl die größte Gefahr ist. Journalisten stürzen sich auf das symbolische Potential des Nebels und ziehen, in Aridjis Worten, “die offensichtlichen Parallelen zwischen der Vergangenheit der Stadt und diesem bizarren meteorologischen Phänomen.” (“Berlin in neuer Krise der Auslöschung” lautet eine schwerfällige Schlagzeile.) Und Tatiana? Sie zieht weg. Sie besiegt ihre Geister weniger als dass sie sie zurücklässt.

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Winger CoverWie Book of Clouds strapaziert auch This Must Be the Place seine Metaphern schwer. Aber während beide Bücher sich für das Bühnenbild auf die deutsche Geschichte verlassen, hat das von Winger nichts von Aridjis Eleganz. Hope ist in Berlin angekommen, in Trauer nach einer Fehlgeburt unmittelbar nach dem 11. September. Da ihr Mann weg ist, um in Polen ein Porno-trifft-Mikrofinanz-Projekt zu leiten, findet Hope sich, wie Tatiana, in Gesellschaft der Geister der Stadt. Der Roman beginnt mit einer Beschreibung eines typischen Berliner Apartmentgebäudes von vor dem Ersten Weltkrieg, dessen Geschichte diejenige Deutschlands im Kleinen widerspiegelt.

„Der Architekt hatte die Wohnungen als Villenetagen entworfen, erstklassige Immobilien, denn die Zukunft Berlins war in jenen Tagen vielversprechend gewesen. Obwohl der Großteil des Gebäudes seitdem gesprengt worden oder abgebrannt war, deuteten auch 90 Jahre später die Balkone und Spaliere, Fenster mit Mittelpfosten und Innenhöfe, die von fast jedem Zimmer eine schöne Aussicht gewährten, immer noch den Optimismus seines Ursprungs an… An anderen Orten mag solch ein Gebäude nur das sanfte Wogen des Fortschritts gesehen haben, aber hier? Neunzig Jahre Drama, gefolgt nur von hiervon.“

Was “hiervon” ist, wird nicht ganz klar, aber da diese Worte den Prolog abschließen, kann man annehmen, dass “hiervon” den Rest des Romans meint. Und hier beginnt das Problem mit This Must Be the Place: Winger präsentiert die deutsche Geschichte (und den 11. September), als ob Hopes Ankunft in Berlin die Kulmination des teleologischen Schicksals der Stadt darstellte. Sie ist in New York, in einem Winterschlaf der Verzweiflung über ihr verlorenes Baby, als die Flugzeuge einschlagen. “Als sie aus ihrem Wohnhaus in Downtown trat und mit weißem Staub bedeckte Menschen um ihr Leben rennen sah, war sie nicht sonderlich überrascht davon, dass die Außenwelt endlich ein Abbild ihres inneren Chaos geworden war. Vielleicht war Berlin eine Gelegenheit, neu anzufangen.” Ein Berlin, das im Einklang ist mit seiner ruinösen Vergangenheit – so lernt Hope die Stadt zu sehen. Sie weiß nur wenig über ihre Geschichte, als sie ankommt, und wie diese Details ausgefüllt werden, hat mitunter eine didaktische Qualität. Ihr Nachbar Walter, ein erledigter Schauspieler, dessen Freundschaft mit Hope dem Roman seine Mitte gibt, fungiert auch als Reiseführer. “Die Stadt war in vier Zonen geteilt: die russische, die britische, die amerikanische und die französische”, doziert er. Hope entdeckt, dass die Wände ihres Wohne nicht aus Putz sind, sondern aus Raufaser – jener weißen, unebenen Tapete, die bei preiswerten deutschen Vermietern so beliebt ist – und dass darunter Schicht auf Schicht alter Tapete liegt, Zeugen des Lebens früherer Bewohner, welche Hope – wer hätte das gedacht – abzuschälen beginnt.

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Das Problem des Lebens im Ausland ist, dass es naturgemäß rekursiv ist. Der ganze Sinn der Erfahrung besteht darin, die Erfahrung zu erfahren. Ironischerweise war ich es, nicht meine deutschen Mitbewohner, die an jenem berühmten deutschen Syndrom litt: Mauer im Kopf. Ich kannte die Schneise, die die Berliner Mauer nur zwei Blocks von unserer Kreuzberger Wohnung gezogen hatte; meine Mitbewohner nicht. Sie führten ihre auswärtigen Gäste ins Naturhistorische Museum, ich führte meinen verstörten Besuch zu kargen Stellen im Park, an denen früher die Mauer aus Beton gestanden hatte. Ich bekam während meines Jahres in Berlin das bestimmte Gefühl, dass die Beschäftigung mit dem physischen Abdruck der Geschichte auf der Stadt eine Erscheinung bei Ausländern war.

Hanika CoverDas Eigenartige an diesem Paradoxon wurde mir nicht eher vollständig bewusst, als bis ich zurück nach Hause kam und wieder Fuß fasste in einer Welt, die nicht nach fortwährender Interpretation verlangte. Ich las einen neuen Berlin-Roman auf Deutsch – eine notwendige Übung in Nostalgie womöglich – und stellte fest, wie viel organischer das Historische seinen Weg in die Seiten fand. Verglichen mit Aridjis und Wingers Romanen erweist sich Iris Hanikas Treffen sich zwei als Studie der Kontraste. Weil sie aus einer lokalen Sicht schreibt, bei der die Stadt in die Textur des Alltags eingebettet ist und immer war, verfügt Hanika über einen Luxus, den ihre ausländischen Gegenstücke nicht haben: sie kann Berlin als Metapher zurückstellen hinter Berlin als Schauplatz. Anders als Tatiana und Hope bewegen sich Hanikas Figuren – Senta und Thomas – durch ihrer Kreuzberger Umwelt, als sei es irgendein beliebiger anderer Ort. Sie sind Berliner an der Schwelle zum mittleren Alter, in ihre Routinen eingeübt, wenn auch noch nicht ganz in ihre Zukunft. Senta arbeitet in einer Galerie und hat eine schwierige Beziehung hinter sich, Thomas ist ein von den neuesten Entwicklungen seiner Arbeit absorbierter IT-Berater. Berlin kommt vor, aber nicht als Gleichnis. Trotzdem fehlt die Geschichte in Treffen sich zwei nicht ganz – sie kann es nicht. Über die Grenze zwischen Kreuzberg und Mitte schreibt Hanika: “Das war einmal der Todesstreifen, was jetzt ein Garten ist und somit die lebendigste Klammer, die man sich denken kann, um, vielleicht für immer, die beiden Teile der Luisenstadt zusammenzuhalten, die so lange voneinander nichts wussten, dass sie sich nun wie Fremde gegenüberstehen.” Tatsächlich ist das mehr als nur eine Andeutung – diese Nebenbemerkung wird eingerahmt von längeren Ausführungen über Senta und Thomas –, aber Hanika schreibt mit einer ironischen Distanz, die uns daran erinnert, dass ihre Figuren nur Figuren sind, bei denen es nicht um ein echte Persönlichkeit geht. Es ist Hanikas Metapher, nicht diejenige von Senta und Thomas.

Bis zu einem gewissen Grad ist die Nebenrolle Berlins in Treffen sich zwei nicht so sehr eine Funktion von Hanikas Deutschsein als ihrer dezidiert postmodernen Anklänge. Der Titel – im Englischen frei übersetzbar als „When Two Meet“ – verweist auf ihre Vorliebe zum Schematischen. Wo Aridjis und Winger mit einem traditionellen Bogen der Selbstfindung arbeiten, betreibt Hanika einen Handel mit Archetypen: ihre Figuren sind keine Individuen, die ihr eigenes Selbstbild zu konstruieren versuchen, sondern Zahnräder in der Kreislaufmaschinerie von Treffen, Missverständnis und Versöhnung, zu der jede Beziehung verurteilt ist. Der Roman beginnt mit einer Szene, die direkt aus einer Zeitlupeneinstellung in einer romantischen Komödienphantasie herausgeschnitten ist: Senta und Thomas begegnen sich in ihrer Kiezkneipe, verlieben sich sofort ineinander und schaffen es genau so schnell, die ganze Sache zu vermasseln. Senta hat einen melodramatischen Hang zu Tränen; der technisch gepolte Thomas übersieht ihre emotionalen Hochs und Tiefs. Die Beziehung entwickelt sich ziemlich genau so, wie zu erwarten ist.

Hanikas Geschichte Berlins wagt es auch, über die bekannte Zerstörung im 20. Jahrhundert hinaus zu gehen. Statt der verlassenen Nazifolterstätten gibt der Roman uns den Landwehrkanal, jenen kommerziellen Schiffskanal aus dem 19. Jahrhundert, der Kreuzberg durchschneidet. Solche historischen Nebenbemerkungen sind nur eine von vielen formalen Spielereien. Darüber hinaus bekommen wir Songtexte, ein Sexhandbuch, ein Drehbuch, eine Abhandlung über Computerprogrammierung und eine überreizte Impression von Elfriede Jelinek. Hanikas experimentelle Verspieltheit kann irritieren; ihre Riffs über Lagerbestände der Sprache mögen gewollt hohl sein, aber das macht sie nicht leichter verdaulich. Wenn Hanika beschreibt, wie Senta und Thomas sich vorstellen, sie seien von Eros’ Pfeilen getroffen worden – “mit unübertrefflicher Präzision in ihren Herzen platziert” – geht es nach wie vor um Eros’ Pfeil.

Als Spieler in Hanikas bruchstückhafter Pastiche lesen sich Senta und Thomas als linguistische Vehikel, frei von jeder Vergangenheit. Hanika über Thomas: “Das war ihm noch nie eingefallen, daß er einen exklusiven Platz in der Welt hatte.” Und in gewisser Weise ist das so, denn er hat keinen. Senta und Thomas sind nur zwei Wiederholungen eines Musters, das sich zweifellos weiter wiederholen wird. Ihnen fehlt die Dauerhaftigkeit, die Tatiana und Hope für sich beanspruchen wollen, indem sie sich unauflöslich mit der Stadt verbinden.

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Von den drei Romanen gewinnt Book of Clouds, was das literarische Verdienst anbelangt. Aber es gibt etwas Störendes in den englischen Versionen des ‘Berlin-Romans’, das Hanikas Roman mit seiner aggressiven Verspieltheit vermeidet. Dass Aridjis und Winger eine traumatische Geschichte in den Dienst einer individuellen Psyche stellen – und noch dazu der Psyche eines Auswärtigen – wirft die Frage auf, ob das angemessen ist. Können sie, und erweitert gesprochen, Expats überhaupt, einen Anspruch auf diese besondere Geschichte geltend machen? Berlin ist nicht Paris oder Rom, es hat nicht die Romantik eines Montmartre im Morgengrauen oder die verblichene Glorie der Antike. Die verrauchte Halbwelt von Christopher Isherwoods Berlin kam und ging mit dem Krieg und David Bowies scheppernde Gegenkultur mit der Mauer – so sehr das neue künstlerische Gesicht der Stadt ihnen auch ähneln mag. Das Einzigartige an Berlin ist, wie viel von seiner Geschichte immer noch lebendig ist. Es bleibt sichtbar, und das nicht nur als Artefakt aus lang vergangenen Zeiten. Natürlich macht Berlin mehr aus als nur die Geschichte, aber ein Teil seines zeitgenössischen Images ist das kalkulierte Wechselspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart: das kürzlich wiedereröffnete Neue Museum mit seinen erhalten gebliebenen Schusswunden; Stücke der abgenutzten Mauer entlang der Spree; das Holocaust-Mahnmal, nur ein paar Häuserblocks entfernt vom ehemaligen Hitlerbunker, bewusst darauf angelegt, seine Besucher zu isolieren und ihnen die Orientierung zu nehmen. Die Stadt bittet uns darum, daran zu denken, was sie gewesen ist.

Das Berlin der Gegenwart existiert in einem Zustand seltenen Doppelbewusstseins, in die Zukunft rasend und seine Vergangenheit zugleich fest im Griff haltend. Aus einem literarischen Blickwinkel ist das Miteinander mehrerer Persönlichkeiten anregend – welcher Schriftsteller würde nicht gerne so viele Schichten von Verletzung und Erfahrung herbeirufen, wenn er eine Figur erfindet? Aridjis und Winger haben beide wohl oder übel Bücher geschrieben, die kennzeichnend sind für ihre Gemeinde von Expats – die Stadt ist nur ein weiteres Instrument im Arsenal ihres (oder unseres?) Solipsismus. Es kann unmöglich immer so bleiben. Wenn herausgeputzte Grünflächen und verglaste Apartmentkomplexe auf all diesen leeren Flächen sprießen, verkünden sie nicht zwangsläufig Verlust oder Auslöschung, sondern einfach die Bewegung der Stadt.

Aus dem Englischen von Esther Widmann

Chloe Aridjis. Book of Clouds. Grove/Atlantic, Inc. März 2009.

Iris Hanika. Treffen sich zwei. Literaturverlag Droschl. Februar 2008 [btb Taschenbuch 2010].

Anna Winger. This Must Be the Place. Riverhead Books. August 2009.

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen in n+1 Book Review Issue 7

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