Walden-Spuren

Walden-Spuren #1: GANT

„Thoreau? Wer ist das?“ – Diese Reaktion bekommen wir oft zu hören, wenn wir von den Einflüssen auf QUEMADA erzählen. Dabei ist Thoreau in den USA fast so bekannt wie Mickey Mouse (na ja, wir übertreiben ein bisschen, aber er ist sicher bekannter als Michael Anthony, der ehemalige Bassist von Van Halen, obwohl die Band angeblich 80 Millionen Alben verkauft hat). Auf Thoreau berufen sich Republikaner und Linke gleichermaßen und seine Essays gehören zur Schullektüre. Besonders einer: Im Jahr 1845 zog Henry David Thoreau für zwei Jahre in eine Holzhütte am Walden Pond, um ein selbstbestimmtes Leben in der Natur zu führen und abseits der Arbeits- und Konsumwelt die „essential facts of life“ zu lernen. Später beschrieb er diesen Selbstversuch in seinem Essayband Walden; or, Life in the Woods. Ur-Amerikanische Topoi wie Unabhängigkeit, Freiheit und eine intensive Auseinandersetzung mit der Natur kommen darin ebenso vor wie Beschreibungen der Botanik, eine Karte des Walden Pond, die Thoreau selbst angefertigt hat und eine große Ameisenschlacht, die man sich vorstellen kann wie eine Szene aus Herr der Ringe, die dem Final Cut zum Opfer gefallen ist. Für die linke Gegenbewegung war Thoreau ein Aussteiger, der in der Natur ein anderes Leben jenseits des aufkommenden Kapitalismus gesucht hat, für die Republikaner ist er ein Self-Made Man. Für uns ist Thoreau ein großartiger Essayist und zeitgemäßer Utopist. Jeder kennt die Sehnsucht nach einem Walden Pond. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Walden uns in den vergangenen Jahren so oft und immer wieder an ganz verschiedenen Orten begegnet ist: Eine Spurensuche nach Thoreau im 21. Jahrhundert.

Spur#1: GANT

Gant Walking With ThoreauZwei junge Männer kommen aus einem verschneiten Wald. Sie tragen Mützen, Wollmäntel und Schals und laufen auf die Kamera zu, um sie wirbeln Schneeflocken. „Walking with Thoreau“ steht links auf dieser Doppelseite des GANT Winterkatalogs 2010, rechts ist ein kurzer Text abgedruckt, der erklärt, wer Henry David Thoreau war – für den Fall, dass die Käuferinnen und Käufer das nicht wissen. GANT ist wie Polo Ralph Lauren ein konservatives Luxus-Modelabel, das 1949 an der amerikanischen Ostküste, in New Haven, gegründet wurde und sich zunächst mit Ivy-League-College Mode einen Namen machte. Thoreau habe sich, erklärt der Katalog, mit der Idee einer Rückkehr in die Natur auseinandergesetzt und damit maßgeblich dazu beigetragen, ökologisches Gedankengut zu verbreiten. Manche Gedanken, ist dort weiter zu lesen, kämen eben nie aus der Mode.Walking With Thoreau 2

Die Männer auf den Bildern kann man sich gut als Studenten an einer Eliteuniversität vorstellen. Sie tragen die Selbstgewissheit nicht nur in der Kleidung, sondern auch im Gesicht. Der Verweis auf Thoreau vermittelt dabei nicht nur, dass sie sich in ihren Mänteln passend gekleidet haben, um im Winter einen Tag in der Natur zu verbringen, sondern auch, dass sie sich in einer Tradition bewegen, die mindestens bis zu Thoreau zurückverfolgt werden kann. Eine Katalogseite weiter raufen die beiden Männer im Schnee miteinander. Sie sind nicht nur passend gekleidet und gebildet, sie haben auch Spaß.

Walking With Thoreau 3

Blättert man zur nächsten Seite, ist ein weiterer gut aussehender junger Mann zu sehen. Er steht vor einer Steinmauer und mit dem hellgrauen Flanellsakko und der schwarzen Aktentasche sieht er weniger wie ein Thoreau-Leser aus, als wie ein Equity-Banker, der sich im Schnee verlaufen hat. Allein seine Tasche kostet mehrere hundert Euro.

Ein Abschnitt von Walden, den die Designer dieses Katalogs vielleicht kennen, vielleicht aber auch nicht (sie behaupten schließlich auch, Thoreau habe Romane geschrieben – welche Romane?), ist dem Thema „Economy“ gewidmet. Thoreau denkt darüber nach, was er fürs Überleben in der Natur benötigen wird. In seiner Kostenkalkulation veranschlagt er für den Posten „Clothing &c., eight months $8,40 ¾“, in etwa so viel, wie er für Nahrungsmittel berechnet und Thoreau, muss man wissen, ernährte sich fast ausschließlich von Reis. Was Thoreau von Mode hielt? Er sagt es ziemlich deutlich: „The head monkey at Paris puts on a traveler’s cap, and all the monkeys in America do the same.“

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