Adventsspezial

Destination Christmas #1: Wiesbaden

destination christmasWas würde passieren, wenn man einen der Dominosteine aus der Reihe, die auf Weihnachten zuführt, plötzlich herauszöge, den Adventskranz zum Beispiel, die Weihnachtseinkäufe, die Grußkarten oder die Forelle am Heiligabend? Wenn wir darüber nachdenken, kommt es uns vor, als kippte dann Stein für Stein, Monat um Monat des vergangenen Jahres um. Eine lange Reihe bis in den Januar, zurück auf Start. Weihnachten ist das Ziel unserer genormten, bürgerlichen Leben, Weihnachten gibt uns eine Richtung. Weihnachten sagt: Du darfst. Ohne Destination Christmas wüssten wir nicht, wohin – sagen die Konjunkturprognostiker, die Vorstandsvorsitzenden, die Politiker, unsere Eltern, die Konzerne, Charles Dickens und all die anderen.

Wiesbaden

Ich nehme an, die Stadt sieht so aus wie im vorigen Dezember, obwohl ich mich so genau nicht daran erinnern kann, wie sie damals ausgesehen hat. Tannenbäume und Girlanden in der Fußgängerzone? Wahrscheinlich. Kunstschnee, Holzschlitten und Stapel leerer Geschenkkartons in den Schaufenstern? Mit Sicherheit. Ein Weihnachtsmarkt mit Karussell und Bratwurststand auf dem Platz gegenüber von Karstadt und ein größerer vor dem Rathaus. Glühwein, Maronibräter, Bienenwachskerzen und Lebkuchenherzen, die man sich oder anderen um den Hals hängen kann und die dann zu Hause steinhart werden, wenn sie es nicht von Anfang an schon sind. Ich werde die Innenstadt in diesem Jahr nicht betreten, bis der Spuk vorüber ist.

An einem Abend Ende November fuhr ich in der S-Bahn aus Frankfurt zurück nach Wiesbaden und mir gegenüber saßen zwei Bürofrauen, die sich über Weihnachtseinkäufe unterhielten. Beide hatten offenbar schon eine Menge gekauft, aber den Großteil ihrer Einkäufe noch vor sich, weshalb sie naturgemäß auf eine sich im wechselseitigen Einverständnis gefallende Weise gestresst waren. „Ich muss dieses Jahr etwas finden, wo ich alles auf einmal bekommen kann, sonst haut das nicht hin“, sagte die eine. „Bei mir heißt das Amazon“, sagte die andere. Dann lachten beide und bestätigten sich, wie praktisch das wäre: Einfach bestellen. Ich dachte: Ich kenne Menschen, die den bestellten Scheiß dann noch am Heiligabend mit dem Lieferwagen zu Euren Wohnungstüren bringen. Dafür bekommen sie acht Euro in der Stunde. Ich sagte nichts, aber ich sah kurz von dem Buch, das ich las – Die Kindheit Jesu – nach oben, um die Gesichter der beiden anzuschauen. Sie waren so jung, dass ich erschrak. Du bist ein selbstgerechtes Arschloch, dachte ich, und das gefiel mir nicht. Du musst die Orte meiden, an denen dieser Gedanke unvermeidlich ist.

>>> Destination Christmas #2: Wien

Jan Winkler

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