Adventsspezial

Destination Christmas #2: Wien

DSC_0025Im Flugzeug blättere ich in einer österreichischen Tageszeitung, die Tyrolean Airways kostenlos an die Passagiere verteilt. M. schaut aus dem Fenster. Was es heißt mit einem Schriftsteller zu fliegen, merke ich, als er plötzlich einen Stift aus der Tasche zieht, nach der Zeitung greift und etwas auf den unteren Rand notiert. „Der Schatten des Flugzeugs auf den Wolken gleitet unter uns wie ein Fisch.“ Die Maschine setzt auf der Landebahn auf. Ein Walzer wird eingespielt, Smartphones gehen an.

Nachdem wir die Taschen in die Wohnung unserer Freunde im neunten Bezirk gebracht haben, gehen wir zum Christkindlmarkt. Ich fotografiere: Weihnachtsschmuck, Glühweinstände und Maroni-Verkäufer. Durchschieben zwischen einander fotografierenden jungen Japanerinnen in bunten Plastikjacken, aufgepustet wie das Michelin-Männchen. M. flucht über die vielen Menschen und den teuren Glühwein. Mit der Straßenbahn fahren wir zum Schottentor und suchen das Freud-Museum in der Berggasse. Sigmund Freud hat hier die längste Zeit seines Lebens gewohnt und auch seine Praxis unterhalten. Man kann die Wohnung besichtigen, doch sie ist leer. Die Möbel stehen im Freud Museum in London, obwohl Freud dort nur noch ein Jahr gelebt hat.

Neben dem Eingangsportal im ersten Stock ist ein Klingelschild angebracht: Täglich geöffnet 9-18 Uhr. Die Tür abgeschlossen. Es ist zwanzig nach fünf, als wir klingeln. Ein Mann in Wollpullover, Cordhose und dick gerahmter Brille öffnet. Er könnte selbst Psychoanalytiker sein, denke ich. „Wir schließen gerade“, sagt er. Wir nicken. „Wir wollten nur fragen, was der Eintritt kostet, und vielleicht morgen wiederkommen“, sage ich. Er zeigt auf ein Schild neben der Kasse.  Wir nicken wieder. „Und das hier kann ich ihnen auch noch mitgeben.“ Er überreicht uns eine Broschüre. „Aber die Preise darin stimmen nicht.“ Wir nicken wieder, als wäre das selbstverständlich. „Auf Wiedersehen.“ Er schließt die hohe schwere Tür hinter uns mit einem Krachen, das im Treppenhaus wie ein Beckenschlag nachhallt.

M. hakt sich bei mir unter. Es ist jetzt wirklich kalt, wirklich Dezember. Neben dem Schauspielhaus ist ein Café in das wir durch die Fensterfront hineinschauen, wie in einen Glaskasten. Niemand sitzt drin, aber hinter der Theke steht eine junge Frau, die sich benimmt wie eine Schauspielerin. Wir sind die Zuschauer. „Haben Sie schon geöffnet“, frage ich. „Ich mache gerade auf“, sagt sie. Wir setzen uns an einen Tisch im hinteren Drittel des Raums. M. studiert die Getränkekarte. Auf der Rückseite sind die Öffnungszeiten angegeben. An Vorstellungstagen 16-23 Uhr an Vorstellungsfreien Tagen 16-18 Uhr. Als wir bestellen, ist es halb sieben.

Am nächsten Tag kommen wir auf unserem Spaziergang an einer Buchhandlung vorbei, die unerklärlicherweise geöffnet hat. M. will nachsehen, ob es seinen Roman gibt. Unter „W“ sind David Foster Wallace und Martin Walser zu finden, aber nicht sein Buch. Gang durch den Schubertpark. Wir folgen einem Schild, das auf die Gräber von Beethoven und Schubert hinweist, obwohl wir beide Gräber vor sieben Jahren zusammen auf dem Zentralfriedhof gesehen haben. Dann die Aufklärung, hier im Schubertpark ist lediglich die erste Ruhestätte gewesen, 1888 wurden die Gebeine auf den Zentralfriedhof verlegt. Die Gräber vor denen wir in der Kälte des ersten Adventssonntags stehen, sind leer.

>>> Destination Christmas #3: Nürnberg

Zoë Tannenbaum

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