Adventsspezial / Über Bücher

Weihnachten und die Folgen: “Die Kindheit Jesu” von J.M. Coetzee

Kindheit JesuWer sich in diesem Jahr, wie jedes Jahr, aus Verzweiflung und Ärger über den Deutschen-Buchpreis-Zirkus und die ganze ihn umgebende künstliche Hysterie, seine Spießigkeit, Verlogenheit und Belanglosigkeit, hoffnungsvoll der Long- und Shortlist des britischen Man Booker Prize zugewendet hat, konnte sehen, dass es darum auch nicht so viel besser bestellt war. Und wer es noch nötig hatte, konnte daraus, wie jedes Jahr, den Schluss ziehen, dass es von Anfang an eine idiotische Idee gewesen ist, diesen Preis für den deutschsprachigen Raum kopieren zu wollen. Am Ende ausgezeichnet wurde ein 800-Seiten-Roman, den ich trotzdem nicht lesen werde, und noch nicht einmal auf der Longlist stand einer, den ich sowieso gelesen hätte: Die Kindheit Jesu. Ob ich es auch getan hätte, wäre nicht J.M. Coetzee der Verfasser, sondern ein anderer, ein Autor womöglich, den eine Preisnominierung oder ihr Ausbleiben noch beschädigen kann, ist ungewiss. Der Klappentext zumindest und die Blurbs wirken abschreckend: Eine Geschichte über einen Mann, der mit einem kleinen Jungen in einem fremden, namenlosen Land ankommt und dort nach einer Mutter für das Kind sucht. Die Menschen nehmen ihn freundlich auf, er wird Hafenarbeiter und das Kind bringt durch seine Phantasie ein neues Licht in diese Welt, „eine herzbetörend zarte, dunkelleuchtende Fabel über die Kindheit“ etc. Das klingt nach Coelho, ist aber Coetzee – und deshalb geht es gut, auch wenn es bis zur letzten Seite schwerfällt zu entscheiden, was dieser Roman eigentlich ist: esoterischer Unfug oder ein philosophischer Weltentwurf.

Novilla, die Stadt am Meer, in der die Neuankömmlinge vom Schiff gehen, zeigt sich dem Leser als eine Welt, die sich von der Erfahrungswirklichkeit auf zunächst schwer bestimmbare Weise unterscheidet. Es gibt Schulen, Krankenhäuser, Behörden, Fußball, aber die Menschen benehmen sich anders als sie es diesseits der Fiktion üblicherweise tun. Das Miteinander ist bestimmt von Hilfsbereitschaft und Vernunft, vom Bestreben, ein Zusammenleben ohne Konflikte zu organisieren. Manche Childhood of JesusDEFA-Filme zeigen ein solches Land voller aufbauwilliger Arbeiter, die ihren gerechten Lohn erhalten. Und dann stiehlt einer die Lohnkasse oder begeht eine andere menschliche Schweinerei. Coetzee ist glücklicherweise nicht zum sozialistischen Realismus bekehrt worden; nach seinen deutlich in Zeit und Raum verorteten Romanen und autobiographischen Büchern der letzten 15 Jahre, die – wie besonders Tagebuch eines schlimmen Jahres – auch explizit zum weltpolitischen Geschehen Stellung bezogen, ist Die Kindheit Jesu eher eine Art Rückkehr zu seinen früheren, parabelhaften Fiktionen wie Leben und Zeit des Michael K. Damit ist der Roman nicht notwendigerweise weniger politisch. Gerade ein Gegenentwurf zur bestehenden Realität kann ja deren Zustand erkennbar machen (weshalb wir uns bei QUEMADA dafür interessieren). Eine konkrete Utopie ist die von Coetzee imaginierte Welt aber auch nicht. Zwar scheint es, als sei in dieser Gesellschaft etwas verwirklicht, das sich als postkapitalistische Gesellschaftsordnung vorstellen ließe, eine Staatsform, in der zwar der freie Markt und das Prinzip der Gewinnwirtschaft nicht abgeschafft sind, wie es vulgärmarxistische Theoretiker fordern, in der jedoch der erzielte Überschuss insgesamt allen zu Gute kommt und nicht, wie in unserer Welt, nur einigen wenigen. Aber die Menschen hier stellen keine Fragen, sie leben einfach, wie es einmal heißt. Simón, der Neuankömmling, kann sich nicht leicht daran gewöhnen, schon gar nicht daran, dass auch Sex keine Bedeutung hat, weil er die Menschen nicht weiterbringt. Die Erinnerung an die alte Welt ist noch stark in ihm und er fragt sich, „ob der Preis, den wir für dieses neue Leben zahlen, der Preis des Vergessens, nicht zu hoch sein könnte?“ Etwas fehlt in dieser neuen Welt. Es sind nicht die teuren Eintrittskarten zu Fußballspielen (vgl. DEFA-Film), nicht die Liebe im Herzen (vgl. Coelho). Die Bibliotheken sind voll von praktischen Ratgebern, doch niemand liest Geschichten, niemand erzählt – außer dem Jungen, der an die Existenz von Don Quijote glaubt, nachdem eine einzelne alte Kinderbuchausgabe davon aufgetaucht ist und Simón daraus vorliest. Der Autor des Romans heißt hier nicht Cervantes, sondern Benengeli, wie der angebliche Verfasser des Manuskripts in Don Quijote und daran zeigt sich, dass die neue Wirklichkeit, in der die Figuren leben, sozusagen eine Erzählebene zu wenig hat.

Wie arm wir alle ohne die Macht der Geschichten, ohne die Poesie, ohne die Literatur wären, ist ein Gemeinplatz der Literaturpreisreden und hoffentlich nicht das, was Coetzee demonstrieren will. Schließlich gibt es ja noch Filme und neuerdings HBO-Serien. Allerdings nicht in Novilla, denn niemand verlangt danach. Dafür kommen die Menschen im Allgemeinen gut miteinander aus, bis der kleine Junge die Ordnung stört. So ist der Roman kein großes Lamento über das Verschwinden der Fiktion, sondern umgekehrt ein Gedankenspiel über die Frage nach dem Preis, den wir dafür in Kauf nehmen oder nehmen müssen, dass es sie gibt. Coetzees mögliche Welt ist eine, aus der die Dichter vertrieben sind wie aus Platos idealem Staat. Davon in einem Roman zu erzählen, ist die perfideste Ironie, die vorstellbar ist.

Natürlich bleibt die Frage, was dieser Entwurf über die eigentliche Welt sagen kann, in der wir uns täglich bewegen. Sollen wir dankbar sein für den Buchpreis? Sicher nicht. Für einen Wohlfahrtsstaat, der nach wie vor in vielen Ländern der westlichen Welt eine Buch(markt)kultur und freie Meinungsäußerung ermöglicht? Auch das wirkt wie eine Sentenz aus der oben genannten Preisrede. Die neue Welt dieses Romans trägt auch keine totalitären Züge im klassischen Sinne. Eher scheint sie das Produkt einer fiktionalen, erzählten Reflexion über die conditio humana. Leidenschaften und Emotionen, zu deren Berechtigung das moderne Menschenbild sich bekennt, mögen Einbildungen oder Fiktionen sein, die erst durch andere Produkte der Einbildung hervorgebracht werden, aber die Vernunft als einziges Korrektiv kann sich ernsthaft niemand wünschen. Auch das wissen wir. Eine Vorstellung davon schreibend durchzuspielen kann dennoch zu einer neuen Sicht auf die eigene Gegenwart führen. Für diesen Roman bedeutet das, dass er einen Teil der Aufmerksamkeit von der eigentlichen Handlung (die minimal ist) abzieht und darauf verlagert, wie diese neue Welt beschaffen ist. Eine Notwendigkeit zur Erfindung wird durch  eine andere entlastet, was beim Lesen auch ermüden kann. Dass die Zufalls-Patchwork-Familie, zusammengehalten durch die Anziehungskraft des Kindes mit der individuellen Phantasie am Ende aufbricht, um nach der neuen Welt eine andere neue zu suchen, ist natürlich keine Lösung. Zumindest aber ein Aufbruch. Und wer will bestreiten, dass wir den auch in unserer Welt nötig haben.

Jan Winkler

J. M. Coetzee: Die Kindheit Jesu. Aus dem Englischen von R. Böhnke. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013. 352 S., 21,99 €, E-Book 18,99 €.

Advertisements