Über Bücher / Walden-Spuren

Walden-Spur #2: Peter Handkes “Versuch über den Pilznarren”

Als wir im Buchladen den neuen Essayband von Peter Handke, Versuch über den Pilznarren, liegen sahen, mussten und wollten wir sofort an ein Computerspiel denken, das wir früher manchmal gespielt haben. Es heißt „Flopp und Eimer gehen Pilze sammeln“ und kam gefühlt zu der Zeit raus, als Computer noch groß, grau und rechteckig waren und in eigens dafür vorgesehenen Computerzimmern, in den Kellern und Abstellkammern der Häuser, in denen wir aufwuchsen, standen. „Flopp und Eimer gehen Pilze sammeln“ ist ein minimalistisches Spiel. Im ersten Level sinken in wechselnden Formationen Pilze und Kuhfladen über eine grüne Wiese auf den unteren Bildrand zu, die man anklicken und dafür Punkte sammeln kann. Der eigentliche Reiz des Spiels liegt aber im zweiten Level. Nachdem Flopp und Eimer die Pilze gegessen haben (wir sehen sie auf der Wiese stehend die Pilze in ihre weit aufgerissenen Münder werfen), ziehen sie erneut los zum Sammeln. Diesmal ist die Wiese nicht grün sondern lila, orange und blau und die Pilze bewegen sich  in einem psychedelischen Farbstrom im Kreis.

Versuch über den PilznarrenVon Magic Mushrooms erzählt Peter Handkes Essayband nicht, auch nicht von Computerspielen. Es geht um einen Freund Handkes, der in den Wäldern verschwindet, weil er süchtig nach dem Pilze-Suchen geworden ist und ein bisschen verrückt eben auch. Uns gefiel an dieser Geschichte das Hippie-Element. Der Pilznarr ist ein Aussteiger, wie Thoreau, auch wenn er sein Aussteigertum nicht als politischen Akt reflektiert. Teils entgleitet ihm sein Leben (seine Frau verlässt ihn), teils entscheidet er sich bewusst dafür (seinen Job als Anwalt kündigt er), um sich ganz den Pilzen widmen zu können. Und wenn Handke „Pilze“ schreibt, meint er in den meisten Fällen „Steinpilze“. Die sind die „letzte Wildnis“, weil sie sich im Unterschied zu 1,29 Euro Discounter Bio-Champignons „nicht und nicht züchten, nicht und nicht zivilisieren, geschweige denn domestizieren ließen“ und sich so dem menschlichen Verfügungswillen entziehen.

Das hätte Thoreau eigentlich gefallen müssen, weshalb der Pilznarr sich wundert, „daß die großen Waldläufer der vergangenen Jahrhunderte, so große wie er jetzt, nur um an Amerika zu denken, Walt Whitman oder Henry David Thoreau, nirgendwo Pilze bedichtet oder bloß erwähnt hatten.“ Vermutlich hat Peter Handke, der in Chaville, einem Vorort von Paris ziemlich abseits des Weltgeschehens lebt und dafür bekannt ist, am liebsten mit Bleistift zu schreiben, nie eine Volltextsuche der Internet-Version von Walden durchgeführt. Wer das tut, findet heraus, dass Pilze tatsächlich nur an einer Stelle erwähnt werden und zwar im Kapitel „The Bean-Field“.

Darin erzählt Thoreau, wie er hinter seiner Blockhütte ein Bohnenfeld anlegt, so wie wir heute auf Parkplätzen oder stillgelegten Flughäfen Obst und Gemüse anbauen. Dabei geht es selten nur um den Ertrag. Wir gärtnern, weil wir dabei Freunde treffen, weil wir es mögen, draußen zu sein und weil es sich gut anfühlt, etwas selbst Gepflanztes zu essen. Und auch Thoreau pflegt sein Bohnenfeld nicht nur, weil er ernten will, sondern weil es ihn interessiert, wie sich die Bearbeitung des Bodens anfühlt. Dabei stellt er fest, wie viel Zeit ihn der Bohnenanbau kostet und der Verkauf bringt kaum Gewinn ein. Lohnt es sich also auf dem Feld zu arbeiten? Die Arbeit macht den Menschen – und hier kommen die Pilze ins Spiel – zu einem Werkzeug, „a man thus plodding ever, leaning on a hoe or a spade as a staff between his work, not as a mushroom, but partially risen out of the earth, something more than erect, like swallows alighted and walking on the ground:—“

Peter Handke: Versuch über den Pilznarren. Eine Geschichte für sich. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 215 Seiten. 17,95 EUR.

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