Adventsspezial / Über Musik

Destination Christmas #4: London

Wooden Shjips

„We are leaving – you don’t need us“. Es ist nicht ganz sicher, ob sich WOODEN SHJIPS tatsächlich nach dem Song benannt haben, den der Legende nach David Crosby, Stephen Stills und Paul Kantner 1968 vor der Küste Kaliforniens gemeinsam auf einem Segelboot geschrieben haben, aber es liegt immerhin sehr, sehr nahe. Die Band spielt ein Konzert im Londoner Scala, und wir sind unterwegs, mit zwei leeren Ziehkoffern, ins Herz des Kapitalismus. Einen Tag lang werden wir die Koffer füllen mit allem, was wir in der kurzen Zeit erreichen, finden und uns leisten können, am Abend die WOODEN SHJIPS sehen und früh am nächsten Morgen wieder aufbrechen. Der Plan hat nur einen Haken: Wir beginnen ausgeruht und ohne Gewicht, schleppen dann immer mehr mit uns herum und am Ende werden wir vollbeladen, erschöpft und müde sein. Der letzte Teil ist der unangenehmste, genau wie im Leben, aber wenn der Plan so aufgeht, haben wir immer noch Glück gehabt.

Natürlich ist Weihnachten überall, erst recht im Herzen des Kapitalismus. Dass Karl Marx in London seine wichtigsten Arbeiten geschrieben hat, scheint ganz natürlich, aber folgerichtig wirkt auch, dass er in London begraben wurde. Besucher, die sein Grab in Highgate sehen wollen, müssen Eintritt bezahlen. Für Heldenverehrung haben wir ohnehin keine Zeit. Auf dem Programm für den Tag stehen: Honest Jon’s Records in Notting Hill, unterhalb des Westway, der die Portobello Road an der Stelle kreuzt, wo sie von einer sich im Stadium der Auflösung befindenden Einwandererstraße zur Touristenfalle wird. Music & Video Exchange in Notting Hill Gate. Alle Oxfam und sonstigen Charity Shops am Weg. Die Kunstbuchhandlung Koenig Books der Serpentine Gallery in Kensington Gardens und die neue Serpentine Sackler Gallery, untergebracht in einem ehemaligen Munitionsdepot im Hyde Park. Die Ausstellung von Jake und Dinos Chapman heißt „Come and See“. In Glasschaukästen auf Stelzen sind Hell Landscapes aufgebaut: Blutige Schlachtenszenen mit Miniaturnazisoldatenfiguren und gekreuzigten McDonalds Clowns, als wollte Quentin Tarantino ein Gemälde von Breughel nachstellen. FOPP, bei Charing Cross Road, für mehr Platten, CDs und DVDs, zuletzt Judd Books in Bloomsbury. Unsere Ziehkoffer brauchen inzwischen neue Reifen, aber anders als bei Skateboards gibt es das nicht für Ziehkoffer. Trolley Wheel Exchange Service ist eine Marktlücke.

Tour-Poster_wooden shjipsWir treffen M. vor Gordon Square Gardens. Es ist inzwischen dunkel, der Park ist geschlossen. M., dem nach dem Studium nichts anderes übrig blieb, unterrichtet Deutsch am University College. Er überlässt uns für die Nacht sein Büro. Wir stellen die Koffer ab, dann gehen wir, wieder zu Fuß, zum Scala. WOODEN SHJIPS lassen ihre blubbernde Lavalightshow auf ihre weißen T-Shirts projizieren und ihre Songs werden in ihren besten Momenten zu Über-Jams, so dass man vergisst, welcher Song es eigentlich war, den sie zu spielen begonnen haben, wo wir sind und wie wir heißen.

Das Büro ist klein und eng, mit wenig freiem Raum zwischen hängenden Bücherregalen, Schreibtisch und Drehstuhl. Wir legen uns auf den graublauen Teppichfußboden, mit unseren Mänteln zugedeckt.  Um sechs Uhr weckt uns der Handywecker und bevor wir das Büro verlassen, die Tür abschließen und, wie mit M. vereinbart, einen Umschlag mit dem Schlüssel im Erdgeschoss durch den Briefschlitz ins Sekretariat fallen lassen, heften wir einen Zettel an den Bildschirm: „We are leaving – you don’t need us. Frohe Weihnachten“.

David Krieger & Sasha Petrova

Advertisements