Essay / Quemada #1: Cold Fact

Über Ayahuasca. Von JOHN WRAY

Drei Tage vor meinen sechsunddreißigsten Geburtstag fand ich mich auf dem Beifahrersitz eines geliehenen Ford Prius wieder; ganz in weiß gekleidet, mit M. – einer Frau, die ich nur einmal zuvor bei einem peinlichen Blinddate getroffen hatte – hinter dem Steuer. Wir waren auf dem Weg zu einer unscheinbaren Kleinstadt an der Grenze zwischen New Jersey und Pennsylvania, besser gesagt zu einer Farm, die am Ende eines langen, von Unkraut überwucherten Wegs liegt und deren Besitzer jeden zweiten und vierten Samstag im Monat die Scheune an Mitglieder einer brasilianischen Sekte namens Santo Daime vermietete. Santo Daime ist eine Mischung aus Katholizismus und verschiedenen indigenen Traditionen der Quellgebiete des Amazonas. Als Sakrament dient anstelle des Weins ein Getränk namens Ayahuasca.

Ayahuasca ist ein breiiges, gräuliches, nach Galle riechendes Gebräu, hergestellt aus der gekochten Rinde bestimmter tropischer Schlingpflanzen; es sieht aus (und schmeckt) wie etwas, das ein missmutiges Kind kochen würde, wenn man es zu lange alleine in der Küche lässt. Hinzu kommt, dass der Trank sehr viel Dimethyltriptamin enthält, das als das bis dato wirkungsvollste, natürliche Halluzinogen, identifiziert wurde.

Wie sich schnell herausstellte, war das Hauptgebäude der Farm ein schäbiges, scheinbar willkürlich inmitten verwahrloster Felder zurückgelassenes Haus mit Zwischengeschossen; die Scheune – oder „Kirche“  wie sie M. bevorzugt und ohne einen Funken Ironie nannte – war uralt und dreckig und baufällig an allen Ecken und Enden. Ein nervöser, kleiner Mann in einem ausgewaschenen, weißen Kaftan kam uns an der Tür entgegen und stellte sich als Nestor, als spiritueller Leiter der abendlichen Zeremonie, vor. Der Rest der Gemeinde war schon da, alle von Kopf bis Fuß in aufeinander abgestimmten weißen und cremefarbenen Tönen gekleidet; sie unterhielten sich leise in kleinen Gruppen, wie auf einer Westchester Cocktailparty. Dies ist vielleicht der richtige Zeitpunkt in meiner Geschichte zu gestehen, dass ich nicht der spirituellste Mensch bin; die Szenerie in der Scheune erschien mir ziemlich absurd, fast kindisch, aber in keiner Weise einschüchternd. Es fiel mir sehr schwer, Nestor ernst zu nehmen, vor allem, als er mich auch noch bat eine Verzichtserklärung zu unterschreiben, die ihn für den Fall, dass ich verrückt werden sollte, von der Verantwortung entband. Als ich Nestor meinen Namen sagte, musterte er mich genau und verzog sein Gesicht zu einem breiten Zahnlückengrinsen.

„Was für ein glücklicher Zufall – heute Abend ist das Fest von Johannes dem Täufer! Er verlor seinen Kopf.“

Ich lachte darüber, wenn auch ziemlich verhalten, und sagte zu Nestor, dass er sich nicht um mich sorgen müsse – mein Kopf sitze fest auf dem Rest meines Körpers.

„Natürlich tut er das“, stimmte Nestor zu.

Nicht lange nach dieser kleinen Unterhaltung, als die Sonne unterging, begann die Zeremonie, oder die „Arbeit“, wie Nestor es nannte.

Ein Holztisch wurde genau in die Mitte der Scheune gerückt und teilte den Raum in zwei gleichgroße Hälften: Männer und Frauen standen einander, das Gesicht dem langen, schmalen Tisch zugewandt, in jeweils zwei Reihen gegenüber. Die erste Stunde sangen wir Loblieder auf Portugiesisch, tanzten einen schlurfenden, Tanz, der dem Hoky Poky nicht unähnlich war, und ich fühlte mich wie ein Kind am ersten Tag des Ferienlagers. Als die Sonne vollständig untergegangen war, tranken wir den ersten Becher Ayahuasca – Nestor reichte ihn uns in Kinderpappbechern – und dann fingen wir wieder an zu tanzen. Offenbar war das die ganze Zeremonie. Nach ungefähr zwanzig Minuten stellte sich unter meinen Rippen ein kribbelndes Gefühl ein, ein sanftes, marijuanaeskes Hochgefühl, das während der nächsten halben Stunde stärker wurde. Ich hatte nie zuvor eine Droge probiert, deren Wirkung sich so heimlich, beinahe scheu entfaltete, als ob es ihr unangenehm wäre, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich weiß nicht, was ich erwartete, das aber mit Sicherheit nicht. Ich tat mein bestes, mich in die Zeremonie zu stürzen, ausgelassen singend und meine Maracas schüttelnd, gegen ein zunehmendes Gefühl der Enttäuschung ankämpfend.

Irgendwann später – vielleicht nach einer Stunde – tranken wir zum zweiten Mal und ich sah, wie sich die Leute um mich herum veränderten. Ein junger Kolumbianer rechts von mir, der mir geholfen hatte, beim Tanzen im Takt zu bleiben, fiel auf einmal aus der Reihe und setzte sich zu meinen Füßen, die Hände vors Gesicht geschlagen. Eine mittelalte, blonde Frau aus Manhattan, eine der anmutigsten Tänzerinnen, lehnte sich gegen den Tisch und fing an vor sich hinzumurmeln, dann zu fluchen und bitter in sich hinein zu lachen. M. war da, wo sie von Anfang an gewesen war, am Ende der zweiten Reihe auf Seiten der Frauen. Sie tanzte so gelöst wie immer, doch schien ihr jetzt kaum bewusst zu sein, dass sie sich bewegte. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht war von reiner, unschuldiger Glückseligkeit, sie wirkte ungebunden und gelassen und ich spürte stechenden Neid, während ich ihr zusah. Ich wollte mit ihr sprechen, sie fragen, was sie fühlte, doch Kontakt zwischen den Geschlechtern war streng verboten, wie Nestor behauptete, “um die positiven und negativen Energien im Fluss zu halten”. Was mich betrifft, war die einzige Energie, die ich bis jetzt wahrnahm, ein flatteriges Gefühl, irgendwo in meinen Eingeweiden. Die Tänzer um mich herum fielen jetzt in immer größerer Zahl zu Boden und bald war ich als einziger auf meiner Seite des Tisches noch übrig. Nestor trällerte inbrünstiger denn je, sein Gesicht eine Parodie der Verzückung, doch mehr als einmal warf er einen erstaunten Blick in meine Richtung. Die Rufe und das Stöhnen und die Verwünschungen waren lauter geworden als der Gesang und Nestor räusperte sich abrupt – mitten im Vers, wie mir schien – und verkündete „open bar“ fürs restliche Ayahuasca.

Ich war einer von nur dreien, die noch standen, und der einzige, der sein Angebot annahm. Als ich den Becher zum Mund führte, starrte er mich konzentriert an, als habe er mich im Verdacht, ihn zum Narren halten zu wollen. Ich trank ihn in einem Zug aus, erschauerte leicht von der Bitterkeit und dieses Mal fühlte ich mich benommen, noch bevor ich den Becher abgestellt hatte. Erst als ich meinen Platz am Tisch wieder eingenommen hatte und zu tanzen und mich aufrecht zu halten versuchte, kam mir der Gedanke, dass mir nicht vom dritten, sondern erst vom zweiten Becher so schwindelig wurde und dass ich nun deutlich mehr Ayahuasca getrunken hatte als jeder andere in diesem Raum. Kaum hatte ich das gedacht, überwältigten mich Schwindelgefühle und ich taumelte weg von dem Tisch, auf der Suche nach einer Stelle, an der ich mich hinlegen konnte. Die Scheune erschien mir jetzt höhlenartig, viel weitläufiger als vorher, wie der Frachtraum eines gigantischen Holzschiffes. Ich legte mich flach auf den Rücken und starrte gerade nach oben auf die Dachsparren, brachte meinen Körper auf eine Linie mit dem Dachfirst, der so hoch über mir war, dass er sich im Dunkeln fast nicht mehr erkennen ließ. Sobald der Boden meinen Rücken berührt hatte, verflog das Schwindelgefühl und die Geräusche um mich herum wurden dumpf. Das Dach der Scheune sah schön aus und geheimnisvoll, wie ein Artefakt aus einer vergangenen Zeit, und ich fühlte mich hellwach und fasziniert von jedem einzelnen Detail der Konstruktion. Aufregung überkam mich, ein Gefühl der Beschleunigung, dem Rausch am Anfang eines LSD- oder Meskalin-Trips nicht unähnlich, und die nächste halbe Stunde verbrachte ich in der Gewalt der tiefgehendsten Euphorie, in die mich je eine Droge versetzt hatte. Ich lachte mit aufeinandergepressten Zähnen, während ich in unbeherrschter Lust zu den Dachsparren hoch starrte, so überwältigend angefüllt mit Leben, dass ich glaubte, es nicht aushalten zu können. “Das ist zu viel”, sagte ich immer wieder und kicherte, während ich das sagte. “Das ist zu viel.” Trotzdem hätte ich das Gefühl für nichts in der Welt abstellen wollen.

Die Zeit hatte inzwischen keine Bedeutung mehr, sie war matt und zähflüssig geworden, so dass sich schwer sagen lässt, wann die Halluzinationen einsetzten. Sie brachen von einem Augenblick auf den anderen herein, als Neunziggradschwenk im Blickfeld: Plötzlich starrte ich nicht mehr nur an die Unterseite des Daches, sondern horizontal auf die Wände eines bodenlosen Liftschachts. Das heißt, ich wurde irgendwie gegen eine der anderen Wände gepresst – senkrecht auf der Stelle – und war deshalb in Gefahr abzustürzen, doch diese Möglichkeit machte mir keine Sorgen. Es erinnerte mich an eine meiner Lieblingserzählungen, von Jorge Luis Borges, über eine unendliche, unterirdische Bibliothek und mir gefiel der Vergleich, immer noch in dem Wissen, dass ich auf einem Trip war. Ich begann den Nachthimmel sehr klar zwischen den einzelnen Dachschindeln zu erkennen und stellte mir vor, es seien kleine Türen, die vom Aufzugschacht in unzählige, blau erleuchtete Räume führten. Je genauer ich allerdings hinsah, desto heller wurden die Lücken, bis das Blau wie Plasma dazwischen hervor und auf mich zu quoll, ich erstarrte, während ich auf ein Gitter aus Licht blickte, das pulsierte und flackerte, wie ein LED-Display. Ich war nicht länger in einer Scheune und auch nicht in Borges mythischer Bibliothek: Ich befand mich in einem Eckraum eines Bürohochhauses in Tokio und starrte aus einem Fenster, das vom Boden bis zur Decke reichte, auf eine japanische Version von Macy’s Thanksgiving Day Parade. Riesige, anthropomorphe Ballons zogen auf Höhe der Fenster vorbei, Sumo-Champions in hell rosa, Baby-Buddhas und teilnahmslose Samurai, doch die Menschen, die die Ballons hielten, waren zu weit weg, als dass ich sie sehen konnte. Irgendwann später glitt ich wie eine Filmkamera einen Motelkorridor entlang, dessen Decke aus Styroporplatten Stück für Stück weggeblasen wurde und eine unfassbar säure-grüne ‘Landschaft‘ – in Ermangelung eines besseren Worts – freigab, durch die amöbenähnliche Superorganismen krochen und huschten. Ich kam von einem leeren Innenraum in den nächsten, Flure und Schlafzimmer und Büros und Empfangsbereiche, die alle in einer zuckenden Orgie aus Farbe und Leuchtstoff explodierten. Ich genoss diese Visionen wie ein Zuschauer eine Achterbahnfahrt in Disneyworld genießen würde: Sie überwältigten mich, sie machten mir sogar ein wenig Angst, aber sie gingen mich nicht wirklich etwas an. Das Ayahuasca lief immer noch im Unterhaltungsmodus.

Was ich bis dahin nicht begriffen hatte – was ich längst hätte verstanden haben sollen, aber nicht hatte – war, dass Ayahuasca in Wirklichkeit alles andere als eine Freizeitdroge ist. Die Indios des Amazonasbeckens benutzen es für alles, von der Behandlung bei Malaria bis zur Vorhersage der Ursache des eigenen Todes, doch sie benutzen es nie ohne guten Grund. Der Schritt, den ich spontan, fast beiläufig getan hatte, wird von manchen Stämmen als entscheidender Moment im Leben angesehen. Ayahuasca ist eine Verbindung zur Welt der Geister, eine Möglichkeit, mit den Engeln und Dämonen Kontakt aufzunehmen, die unter der Alltagsoberfläche hausen – nicht selten auch, um mit ihnen zu kämpfen –; sie ungesehen in den eigenen Körper und das Gehirn einzuladen. In meinem Fall brachten mich die Folgen an den Rand des Wahnsinns.

Mitten in der Nacht veränderte sich etwas in mir: Ich war in der Lage meine Augen zu öffnen und die Scheune und die Menschen darin ohne Visionen zu sehen. Ich fühlte mich elend und so benommen, dass ich meinen Kopf kaum heben konnte, doch die Wirklichkeit schien mich wieder zu haben. Ich entdeckte M. in der hinteren Ecke des Raumes, über ein zerwühltes Sofa geworfen und mit zu Dreivierteln geschlossenen Augen, mit einem mehrdeutigen, dünnen Lächeln auf den Lippen. Ich versuchte mir vorzustellen, was sie fühlte und musste zu meinem Erstaunen feststellen, dass ich es mir genau vorstellen konnte – tatsächlich konnte ich mir nicht anderes vorstellen. Ich sah den Raum durch M.s Augen, merkte, wie ihre Gedanken meine bestimmten und spürte die dämmrig, verschlafenen Zuckungen ihres Körpers. Ich vergaß mich selbst und meine eigenen Sorgen völlig. Nach langer, zufriedener Gebanntheit wurde ich wieder unruhig, krank vor Heimweh nach meinem eigenen Selbst, doch ich merkte, dass mir jegliches Gefühl für den Weg zurück abhanden gekommen war. Ich hatte keine Ahnung – nicht die geringste Ahnung –, wo oder was mein eigenes Selbst überhaupt sein könnte. Ich schwamm stromaufwärts, gegen einen Sturzbach miteinander kämpfender Identitäten, von denen jede lebendiger und überzeugender war als die vorherige. Ich war ein schwarzer Mann um die vierzig und wohnte in einem Mittelschichtsviertel, das im vorstädtischen Long Island hätte sein können; ich war ein übergewichtiger, asiatischer Junge am Rande einer matschigen Landstraße; ich war eine endlose Prozession aus völlig gewöhnlichen Menschen, männlich und weiblich, glücklich und unglücklich, amerikanisch und von anderswo, jung und alt. Und mit jedem Leben, in das ich eintrat, wurde mein eigenes gründlicher ausradiert. Manchmal gab es flüchtige Augenblicke der Ruhe, in denen ich in meinen Körper zurückkehrte, doch fühlte ich mich wie ein Tourist in einem verwüsteten Land.

Irgendwann in der Nacht schleppte ich mich zum nächsten der Plastikeimer und versuchte, meine Übelkeit und Angst auszukotzen; die meiste Zeit verbrachte ich, soweit ich das beurteilen kann, zusammengerollt auf einem Autositz im dunkelsten Winkel der Scheune, wimmernd und fluchend und mit Gott und mit meinem Stoffwechsel hadernd, damit er dem ein Ende machte, ich sagte im Flüsterton meinen Namen und die Einzelheiten meines Lebens vor mich hin, in der vergeblichen Hoffnung, irgendeine Bedeutung darin zu finden. Ich begriff während dieser kurzen Zwischenmomente, wie vollkommen zufällig die sogenannte ‘Identität‘ ist, wie zerbrechlich, wie willkürlich aus beliebigen Erfahrungen und unvorhersehbaren Ereignissen sie geformt ist. Die letzten Stunden der Nacht verbrachte ich bewegungslos im Liegen, ließ eine Welle der Entfremdung nach der anderen mich durchnässen, starrte zum kleinen, tiefschwarzen Fenster in der Wand gegenüber und betete für den kleinsten Streifen Blau. Als die Sonne endlich aufging, war es so kalt, dass ich meinen Atem sehen konnte, wie offenbar schon während der Nacht. Schwankend erhob ich mich, stand zitternd im spärlichen Licht und bahnte mir meinen Weg um und über die zwei oder drei Dutzend zum Teil bewusstlosen Körper hinweg. Ich trat hinaus ins klare Sonnenlicht des Morgens und sog es verzweifelt ein, weder gewillt noch in der Lage, an meine wundersame Wiederherstellung zu glauben. Eine Weile weinte ich, lehnte mich vornüber, die Arme gegen die warme, kratzige Rinde eines Bergahorns gestützt und war unbeschreiblich dankbar für seine unbestreitbare Existenz. Mein Denken war immer noch vernebelt und viele der Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, waren kindisch – wie meine Gedanken es meistens sind, wenn ich Angst habe – doch zumindest erkannte ich sie als meine eigenen.

Aus dem Amerikanischen von Simone Schröder

 

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