Über Bücher / Essay

Life is too short. Über kurze und lange Romane

lapislazuli buchkreuzManchmal, wenn wir abends im Bett liegen und zwei oder drei Seiten in dem Roman, der seit Wochen, wenn nicht gar Monaten, auf unserem Nachttisch liegt, lesen, merken wir, wie müde wir eigentlich schon sind. Tagsüber haben wir vor unseren MacBooks gesessen. Manchmal haben wir vom Lesen am Bildschirm Kopfschmerzen. Eigentlich wollen wir abends im Bett nur noch die Augen schließen und endlich schlafen. Und wenn wir dann statt zu einer Zeitschrift oder aus intellektuellem Pflichtgefühl zu einem Lyrikband DOCH nach dem ROMAN greifen, wünschen wir uns Dichte, sprachliche Genauigkeit und Tiefe, all das, was das Internet oft nicht ist. Wir sehnen uns nach kurzen Wegstrecken, nach klaren Formen. Wir sehnen uns nach dünnen Büchern. Wir können es nicht ertragen, wenn eine Geschichte schlecht erzählt ist, wenn es darin von Klischees wimmelt und die Figuren nur Sätze sagen, die so hohl klingen, wie die, die wir den ganzen Tag über schon gehört, gelesen und selbst gesagt haben. Wir erwarten, bewegt zu werden, so wie früher; allerdings geben wir Büchern viel weniger Zeit als damals. Wir sind wie Tatort-Zuschauer, die wegschalten, wenn der Mord nicht in den ersten zehn Minuten geschieht, deshalb geschieht der Mord im Tatort seit einigen Jahren innerhalb der ersten zehn Minuten.

Wir wollen, dass uns ein Buch schnell berührt und vergessen, dass Literatur so nicht funktioniert. Bücher folgen langsameren Rhythmen und haben dabei im besten Falle einen Entschleunigungseffekt. Sich in ein Buch zu vertiefen, kann sehr beruhigend sein, doch es erfordert auch eine Anstrengung seitens des Lesers. Diese Anstrengung zu erbringen, kostet Energie, die wir oft nach einem langen Tag am Schreibtisch nicht haben. Kurze Bücher erscheinen uns irgendwie zeitgemäßer, möglicherweise, weil sie zur verkürzten Energie- und Aufmerksamkeitsspanne passen, die wir beim Lesen aufbringen wollen.

Neu gegründete E-Book-Verlage wie mikrotext, shelff, culturbooks und Readux Books reagieren auf diese Entwicklung, ähnlich wie die E-Book-Reihen von Matthes & Seitz oder Suhrkamp, mit einem Schwerpunkt auf kurzen Formen, auf Essays, Stories und Pamphleten; das Online-Magazin Der Umblätterer führt seit einiger Zeit eine ständig wachsende Liste mit 100 Seiten Büchern und auch in der Belletristik gibt es eine Tendenz zu kürzeren Romanen. Im Frühjahr 2014 ist bei Suhrkamp Heinz Helles Debütroman Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin (159 Seiten) herausgekommen, außerdem erscheinen zwei zweite Bücher junger Schriftsteller, die vermutlich keine Romane sind, obwohl auf dem Cover „Roman“ steht.

unternehmer        kerosin        schlafgänger

Wenn Dorothee Elmigers Schlafgänger (142 Seiten) so gesetzt ist wie ihr erster „Roman“ Einladung an die Waghalsigen (144 Seiten) können wir uns vorstellen, wie groß die Typografie, wie weit die Räume zwischen den Zeilen sein werden. Auf manchen Seiten von Elmigers Debüt standen nur wenige Sätze. Experimentelle Prosa hätte es wohl besser getroffen als „Roman“, doch wer kauft „experimentelle Prosa“? Das gleiche trifft auf Matthias Nawrats zweiten „Roman“ zu. Er heißt Unternehmer (144 Seiten) und erscheint im März 2014 im Rowohlt Verlag. Was man aus den jeweiligen Programmvorschauen über die Story erfährt, ist geradezu austauschbar. Beide Bücher erzählen von Menschen, die sich im Wald begegnen. Bei Elmiger treffen „Grenzgänger, Schmugglerinnen, Flüchtlinge, Arbeiterinnen, Asylbewerber, Kontrolleure, Künstlerinnen, Instrumentalistinnen, Schauspieler, Journalisten, Stipendiaten, Logistiker, Studentinnen, Geister“ aufeinander. Bei Nawrat ziehen drei Figuren, zwischen „Utzenfeld und Schönau, der Ravenna-Schlucht und der Ruinenstadt Staufen“ durch den Schwarzwald. Nawrat und Elmiger haben kurze Bücher geschrieben, denen man vermutlich nicht gerecht wird, wenn man sie auf ihren Plot reduziert. Post-narratives Erzählen kommt den Projekten näher. Kurzromane erzählen anders als Novellen nur selten eine Geschichte im Stil der großen Gesellschaftsromane des 19. Jahrhunderts, wie sie derzeit in amerikanischen HBO Serien eine Renaissance erleben. Im Vordergrund des Kurzromans stehen Poetizität und Diskurs.

Allerdings bleibt literarische Innovation nicht auf Kurzromane beschränkt. Die Tendenz zu kurzen Romanen ist, wie die amerikanische Essayistin Elif Batuman vor einigen Jahren festgestellt hat, nur eine Neuerung: “Novels have gotten so short lately, with the exception of those that have gotten very long.” Blickt man auf den deutschen Buchmarkt, fällt auf, dass gerade dicken Büchern, also Büchern die im Schnitt zwischen 700 und 2000 Seiten lang sind, verstärkt Medienaufmerksamkeit entgegengebracht wird.

Hinter der Begeisterung für Bombastbücher steckt nicht nur eine Kultur des Spektakels, sondern manchmal auch eine verdeckte protestantische Moral. Das Lesen dicker Bücher wird oft als Lesemarathon inszeniert. Teilnehmer von Buchclubs etwa nehmen sich zusammen einen Monumentalroman vor, der dann Kapitel für Kapitel gelesen wird. Das gemeinsame Lesen und der Austausch über das Lesen motivieren zum Durchhalten, wie bei einer gemeinsamen Joggingrunde. Auch in Amazon-Kunden-Rezensionen dominieren Vergleiche mit körperlichen Strapazen: „bmrk“ schreibt zum Beispiel über Bolaños 2666 (1096 Seiten) „Zwei Wochen habe ich mich nun durchgekämpft durch den voluminösen Nachlass von Roberto Bolano. Oh, es war ein durchaus vergnüglicher Kampf […]“. Und „Spaddl“ beginnt seine Besprechung zu Infinite Jest – „Es ist vollbracht: Ich habe diesen 1547 seitigen, gewaltigen Roman durchgelesen; meinen derzeit höchsten literarischen Gipfel erklommen.“ Nicht die Freude an der Lektüre eines guten Buchs scheint hier zu überwiegen, sondern der Stolz, ein so dickes Buch „geschafft“ zu haben. Das Lesen wird geradezu als Bekenntnis zu einer Kultur der Entbehrung und Enthaltsamkeit stilisiert. Arbeitswelt und Lesekultur nähern sich dabei einander an. Der ausdauernde Lesende ist wie ein hungriger ‚Young Professional‘, der spätabends alleine im Hochhausturm sitzt, während die anderen das Büro längst verlassen haben. Ein letztes erleuchtetes Fenster über der Stadt, der Laptop ist aufgeklappt, die Augen auf den Text geheftet, so die (Selbst-)Inszenierung. In Wirklichkeit bleibt das Licht ja oft die ganze Nacht an. Das Begehren, immer weitere, neue Romane zu lesen wird bei dieser Art des puritanischen Lesens ausgeblendet, doch es ist nicht nur das, es ist zugleich ein Empfinden, dass sich Bedeutsamkeit in Quantität niederschlägt, wie es auch das Denken vieler Ökonomen prägt.

2666    gegen die welt     parallelgeschichten     Infinite jest

Beim Lesen der Rezensionen auf Amazon musste ich an einen Wettstreit denken, den mein Bruder früher mit seinen Freunden in der Stadtbücherei austrug. Es ging dabei nicht darum, ein Buch zu finden, das sie tatsächlich lesen wollten, sondern darum, wer sich das Buch mit den meisten Seiten ausleihen würde. Der Umfang des Werks war eine Aussage, so wie der größere Hubraum eines Autos, mehr Zylinder, mehr PS… es im Autoquartett waren. In den letzten Jahren erschienene Romane wie Peter Kurzecks Vorabend (1015 Seiten), Péter Nádas‘ Parallelgeschichten (1782 Seiten), Jan Brandts Gegen die Welt (927 Seiten) oder David Foster Wallaces Infinite Jest (1552 Seiten) erheben schon durch ihren Umfang Anspruch auf Bedeutsamkeit und dass nicht Colm Tóibíns im Frühjahr 2014 im Hanser Verlag auf deutsch erscheinender Kurzroman, Marias Testament (128 Seiten), den Booker Preis 2013 erhielt, sondern The Luminaries (832 Seiten) von Eleanor Catton, mag unabhängig von der literarischen Qualität auch mit dem Umfang der Bücher zu tun haben.

Dicke Bücher verlangen ihren Lesern viel ab, nicht nur Zeit. Trotzdem, oder gerade deswegen, haben nicht zuletzt Bolaño und Foster Wallace in Hipster-Kreisen Kultstatus. Doch wer hat Infinite Jest wirklich gelesen? Ich kenne Menschen, die damit begonnen haben und wenn ich daran denke, dann denke ich an Lesezeichen, die im ersten Viertel der Bücher stehen geblieben sind, bevor die Bücher zurück ins Bücherregal gestellt wurden. Die unverhältnismäßig große Aufmerksamkeit, die dicken Büchern in den Medien geschenkt wird, ist aus zwei Gründen berechtigt und unberechtigt:

  1. Es ist schwerer, einen guten langen Roman zu schreiben als einen guten kurzen.
  2. Es ist schwerer einen guten kurzen Roman zu schreiben als einen schlechten langen.

Trotz des großen Zeitaufwands kann es sich also lohnen, Infinite Jest zu lesen, doch wer will schon Zeit, und wir sprechen hier nicht von Tagen, sondern Wochen, wenn nicht gar Monaten, mit der Lektüre des Tausendseitenromans eines allenfalls mittelmäßigen Deutscher Buchpreissiegers zubringen?

Früher haben wir nicht darauf geachtet, wie lang ein Buch war. Zeit spielte kaum eine Rolle. Doch je älter wir werden, desto öfter ertappen wir uns dabei, dass wir an Silvester denken: „Schon wieder ein neues Jahr“. Wir sitzen mit der Sektfalsche auf dem Sofa und merken, dass wir es über die Feiertage nicht geschafft haben, die Romane zu lesen, die wir uns gewünscht haben (Thomas Pynchons Bleeding Edge, 496 Seiten und Sven Regeners Magical Mystery, 512 Seiten). Wie die übrigen Plätzchen und die Weihnachtsmänner aus Schokolade werden sie bis Ostern auf unseren Nachttischen liegen und irgendwann stellen wir sie ins Regal und hoffen auf kürzere Bücher.

Zoë Tannenbaum