Walden-Spuren

Walden-Spuren #4: Alexander Brauns “WienerWalden”

Videostill_WienerWalden 1

Wir haben Alexander Braun 2012 durch ein Buch kennengelernt, beim Besuch einer Ausstellung zum Rheinischen Expressionismus im Kunstmuseum Bonn. Alexander Braun ist kein rheinischer Expressionist, nicht einmal Rheinländer. Er wurde 1966 in Dortmund, also im Ruhrgebiet, geboren. Sein Buch zu seiner Ausstellung im Kunstmuseum Bonn 2012 gab es im Museums-Shop (erschienen im Salon-Verlag, Köln). Es ist in sandfarbenes Leinen gebunden. Das Cover zeigt die Schattenrisse von Bäumen, darauf steht in hellblauen Lettern WienerWalden. Bei dem Titel mussten wir nicht nur an Henry David Thoreau, sondern auch an den Werbeslogan der Schnellrestaurantkette Wiener Wald denken: „Heute bleibt die Küche kalt/wir gehen in den Wiener Wald“. Natürlich haben wir das Buch sofort gekauft.

Seit 2005/06 setzt sich Alexander Braun mit Thoreaus Essayband Walden or Life in the Woods auseinander. Er hat Videos gedreht, in denen Filzfiguren mit runden oder Ku-Klux-Klan-artigen Kopfformen durch den Wald streifen, er hat auf Gemälden in Tusche auf Holz Bäume und Schriftzüge kombiniert und zusammen mit Bronzen und Fotografien Installationen inszeniert, die sich inhaltlich mit Motiven aus Walden beschäftigen.

Quemada: Wann haben Sie Walden zum ersten Mal gelesen?

Alexander Braun: Erst relativ spät, vor vier, fünf Jahren, nachdem das erste Baumbild bereits gemalt war.

WAL01

 

 

 

 

 

 

 

Baum (Nähe Walden-See), 2005/06
Eitempera und Tusche auf MDF und Holz

Welche Rolle spielt die Literatur für Ihre Arbeit?

AB: Sagen wir so: Sie spielt eine Rolle. Ich habe kein Interesse daran, Literatur in Kunst umzusetzen, aber ich mag es, wenn bildende Kunst in einem ideengeschichtlichen Reservoir wurzelt. Und das nutze ich dann für meine Bedürfnisse. Für die Kunst gilt das übrigens eher weniger. Ich habe nie andere Künstler ästhetisch bewusst beliehen. In Bezug auf Literatur oder Philosophie ist das etwas anderes, weil Ideen dort abstrakt existieren.

Gibt es dennoch Künstler, die Vorbildcharakter haben?

AB: Ich mag Künstler wie Alighiero Boetti oder Ian Hamilton Finlay, denen es gelingt, als Konzeptkünstler einen dezidiert intellektuellen Ansatz in sehr sinnliche Kunstwerke zu überführen. Gute Kunstwerke dürfen gerne klug UND schön sein.

Der Titel Ihrer Arbeit WienerWalden bezieht sich nicht nur auf Thoreaus Essayband, sondern auch auf Geschichten aus dem Wienerwald von Johann Strauss (musikalisch) und Ödön von Horváth (literarisch). Sie waren 2008/09 zur Vorbereitung auf Ihre Ausstellung im Bonner Kunstmuseum sowohl in Concord, Massachusetts, am Walden Pond, als auch in Wien. Der Wienerwald ist ein bewaldetes Naherholungsgebiet vor den Toren Wiens. Was hat der Wienerwald mit dem Walden Pond zu tun, an dem Thoreau für mehr als zwei Jahre gelebt hat?

AB: Das Walden-Thema als nominelle Referenz gab es bereits seit einigen Jahren und ich wollte einen neuen Aspekt hinzufügen, gerne einen transkontinentalen Brückenschlag von Neuer zu Alter Welt. Also suchte ich nach einem Ort in Europa, der durch literarische oder kulturhistorische Projektionen ähnlich stark aufgeladen ist wie Concord und der Walden Pond. Da kam schließlich nur der Wienerwald infrage. Beide Landschaften zehren ja von ihrem Mythos und der an sie gerichteten Erwartungshaltung und nicht davon, dass sie in irgendeiner Weise eine spektakulär besondere Landschaft wären. Wenn man so will, geht es auch hier mehr um eine ideengeschichtliche Essenz – die im Übrigen beim Wienerwald noch denkbar komplizierter ist. Im Sinne des 19. Jahrhunderts und der Walzerseligkeit eines Johann Strauss handelt es sich um ein Vorstadtidyll, ein Elysium für die Stadtmenschen Wiens. Horváth dagegen demontiert den Ort als Abgrund einer verlogenen kleinbürgerlichen Moral. Aber nichts davon ist dort faktisch zu entdecken. Wie sollte es auch. Ein Baum ist ein Baum. Der Wienerwald ist nichts weiter als der zersiedelte Speckgürtel einer europäischen Metropole mit ein paar Flecken Wald. Magisch wird er erst durch die Projektionen und Erwartungen.

Walden_Raumansicht

 

 

 

 

 

 

Bonner Kunstmuseum, 2010/11

Die Natur wird in der Werbung oft als Sehnsuchtsort vermarktet, dabei wohnen die meisten Menschen, die wir kennen, in Städten. Damit geht auch ein anderer Bezug zur Natur einher. Thoreau bestimmt in Walden alle möglichen Pflanzen und Tiere. Er hat ein Wissen, über das heute kaum jemand mehr verfügt. Eine wilde, unberührte Natur, wie Thoreau sie erfährt, ist etwas, das viele von uns inzwischen hauptsächlich sekundär erfahren, in Filmen und Büchern zum Beispiel.

AB: Es stimmt, dass Thoreau ziemlich naturbegeistert war und sich in ihr sehr gut auskannte. Ob es sich am Walden Pond allerdings um „unberührte Natur“ handelte, das möchte ich bezweifeln. Ein großer Irrtum ist, Thoreaus Buch als die Chronik eines Aussteigers zu lesen. Er war kein Eremit. Der Fußweg von seinem Geburtsort Concord zum Walden Pond beträgt ca. 30 Min. Das Grundstück, auf dem er die Hütte in Ufernähe errichtete, gehörte seinem literarischen Ziehvater Ralph Waldo Emerson in Concord. Und die Bahnlinie führte auch damals schon unmittelbar am See vorbei. Das war kein Aussteigen, sondern ein intellektuelles Experiment in der unmittelbaren Nähe seines heimatlichen Lebensraums.

Videostill_WienerWalden 2

 

 

 

 

 

Filmstill aus WienerWalden, 2009-10
Video-Projektionen von DVD auf gegenüberliegende Wände
15:00 min, Ton

Sie kombinieren in Ihren Gemälden häufig Naturansichten mit Schrift. „To breath“ zum Beispiel zeigt einen Ast vor blauem Hintergrund. Im Ast sitzt der titelgebende Schriftzug. Können wir Natur heute nur noch vor der Folie von Erzählungen oder „Gebrauchsanweisungen“ wahrnehmen?

AB: Nein. Erstens sind das keine Gebrauchsanweisungen, zweitens steht da im Geäst des Bildes auch nicht nur „To breath“, sondern der Satz „To breath the air, how delicious“, was wiederum der Titel des Bildes ist: eine Zeile aus einem Gedicht von Walt Whitman, einem Zeitgenossen von Thoreau und Emerson. Meine Baumbilder stellen kein naturalistisches Abbild von Natur dar, sie enthalten z.B. keine Simulation von Volumen, keine Farbigkeit im eigentlichen Sinne, sondern sind eine Art schwarze Tusche-Kaligraphie, die die Wege von Ästen nachzeichnet. Es prallen also zwei Zeichensysteme aufeinander: eine Art strukturelles Lineament von Wachstum und das System Sprache. Im Gegenlicht verschmelzen dann beide zu einem untrennbaren Schattenriss.

To breath

 

 

 

 

 

 

 

Ohne Titel (To breath the air, how delicious!), 2006
Eitempera und Tusche auf MDF und Holz

Unsere Entfremdung und zugleich Verklärung der Natur kann unter Umständen gefährlich werden. Bergsteiger etwa, die das Wetter falsch einschätzen, erfrieren in einem Schneesturm; Christopher McCandless, dem Sean Penn in dem Kinofilm Into the Wild ein Denkmal gesetzt hat, hat sich beim Versuch in Alaska zu überwintern an einer Pflanzenwurzel vergiftet. Die Figuren in Ihren Arbeiten vermitteln nicht unbedingt den Eindruck, dass sie mit der Natur im Einklang sind. Die Filzmenschen, die wir auf den Stills des Videos WienerWalden sehen, erinnern eher an Akteure aus dem Horrorfilm The Blair Witch Project als an naturverliebte Hippies. Ist die Natur für Sie auch ein unheimlicher Ort?

AB: Mal abgesehen davon, dass es – soweit ich mich erinnern kann – in Blair Witch Project überhaupt keine einzige gruselige Gestalt zu sehen gibt, sondern nur Geräusche, Ahnungen und nächtliche Ereignisse, empfinden Sie die Filzgestalten, die in meinen Videos auftreten, vielleicht als unheimlich, weil jegliche Individualität an ihnen negiert ist. Das war meine Absicht. Ich wollte keine/n junge/n oder alte/n Frau oder Mann auftreten lassen, sondern einen zeitlosen abstrakten Stellvertreter. Eine Figur, die zwar der menschlichen Physiognomie entspricht, aber keine Individualität besitzt. Das ist in der Tat etwas beunruhigend. Ansonsten haben Sie völlig recht: Die Natur ist nicht der Freund des Menschen. Die Natur ist unter moralischen Kriterien zutiefst grausam und kennt nur ein einziges Ziel, sich durchzusetzen. Die ganze Naturseligkeit, die wir heute erleben, ist eine Schimäre, ein literarisches Konstrukt der Romantik. Aber weil wir diese Urangst noch in uns tragen, dass die Natur kein Interesse am Menschen hat, ihn erfrieren, ertrinken, verhungern, verdursten lassen würde oder ihn gar vergiftet, wenn er sich nicht selbst zu helfen weiß, empfinden wir Unbehagen. Und das mit Recht.

Filmstill WienerWalden

 

 

 

 

 

Filmstill aus WienerWalden

Thoreaus Idee einer Beschränkung auf das Wesentliche, was die Nahrungsmittel, die Kleidung und das Wohnen betrifft, ist insofern ökologisch als damit ein bewussterer Umgang mit den Ressourcen einhergeht, zugleich ist der Ansatz aus heutiger Perspektive auch antikapitalistisch, weil er dem Wachstumspostulat eines kapitalistischen Wirtschaftssystems widerspricht. Wir haben den Eindruck, dass auch in ihrem Werk Wachstum als Konzept verhandelt wird. Zum Beispiel durch den Gebrauch von Materialien wie furniertes Sperrholz in den Installationen Mäeutischer Zweig und Mäeutischer Baum. Die Skulpturen zeigen jeweils eine Art Baum, bzw. Zweig, der aus Holz- und Kabelresten zusammengeklebt ist. Die Skulptur ist also im Grunde genommen aus den Dingen ‚gewachsen‘, die übrig bleiben, wenn die Industrie natürliche Ressourcen verarbeitet hat. Ist das Absicht?

AB: Ja. Das war die Idee. Aber nicht im Sinne einer Kritik an Kapitalismus oder Industrialisierung, sondern eher als eine Art Mimikry. Ich eigne mir etwas an, indem ich es nachahme. Ich als Stadtkind male die Natur, indem ich dem Verlauf ihrer Wege/Verästelungen mit dem Pinsel folge. Und wenn ich einen Baum »bauen« will, dann nehme ich dazu das Material, das ich finden kann: Reste von Pressspanplatten, Kabelbinder etc. Und ich stelle das Gebilde dann als Ausdruck der (Selbst-)Reflexion auf Standflächen aus kreisrunden Spiegeln.

Mäeutischer Zweig

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mäeutischer Zweig, 2007
Holz, Sperrholz, Kabelbinder, Spiegelglas, Klebeband, Zweig, Filz,
Garn, Schrauben

Thoreau hat sich seinerzeit freiwillig darauf beschränkt, in einer kleinen Holzhütte zu leben. Heute ist Wohnraum knapp und teuer. Gerade in den USA leben viele Menschen in Wohncontainern, weil sie sich richtige Häuser nicht leisten können. In ihrer Größe unterscheiden sich diese Container kaum von Thoreaus Blockhütte. Diese Wohnräume sind allerdings nur bedingt Ausdruck von Unabhängigkeit. In Ihrem Walden-Zyklus kommt Thoreaus Blockhütte, die für sein Experiment zentral ist, erstaunlicherweise kaum vor. Wo ist die Hütte?

AB: Die Hütte hat mich nie wirklich interessiert. Die Hütte wird auch überbewertet. Die Hütte war für Thoreau Mittel zum Zweck. Er brauchte einen Ofen für den Winter, einen Tisch zum Schreiben und ein Bett zum Schlafen. Er baute sich also ein Gehäuse für das Nötigste, um von dort aus seine Naturbeobachtungen und seine Schriftstellerei zu betreiben. Und er tat das fußläufig zu seiner Heimatgemeinde, ohne den Kontakt zu seinen Freunden abreißen zu lassen. Wer wollte, konnte ihn an seiner Hütte besuchen. Emerson hat das gerne während seines Sonntagsspaziergangs getan. Die Prämissen seines intellektuellen Experiments lauteten: Kann ich ohne Besitz und Werktätigkeit nur vom Anbau eines kleinen Bohnenfeldes überleben? Er brauchte zwei Jahre, zwei Monate und wenige Tage, um das für sich herauszufinden, dann nahm er sein altes Leben wieder auf. Für mich ist Walden eine Art Gesamtkunstwerk mit starker konzeptueller Note, nur dass es damals diese Begrifflichkeiten noch nicht gab.

Wer Ihre Webseite http://alexander-braun.info besucht, sieht auf der Startseite jene weiße Filzgestalt mit schwarzen Augen in einem Bett liegen. Das Bett steht in einem Bretterverschlag, eine Mikrowelle, ein Minikühlschrank, ein Heizstrahler und ein Fenster mit vorgezogenen Vorhängen sind zu sehen. Der Innenraum erinnert an Thoreaus Blockhütte, aber auch an einen mit Holz ausgekleideten Wohncontainer. Klickt man die Figur an, rutscht sie im Bett ein kleines Stück nach unten und das Menü der Webseite wird eingeblendet. In der Sektion „Werke“ erfahren wir, dass die Filzfigur im Bett nicht zum Walden-Zyklus gehört, sondern zu einer Reihe von Arbeiten mit dem Titel Endymion, die 1999 begonnen hat. Wie ist das Verhältnis Ihrer drei großen Projektzyklen Walden, Endymion und Retablo-Projekt zueinander?

Das würde jetzt eine sehr lange Antwort erfordern. Ich versuche es kurz zu fassen: Es handelt sich grundsätzlich um verschiedene Werkkomplexe, die parallel zueinander laufen, aber gewisse Schnittmengen aufweisen, wie z.B. die Filzgestalt, die in allen drei Gruppen auftaucht. Das Retablo-Projekt entsteht zusammen mit Votivtafelmalern in Mexiko-Stadt, die die Themen/Widmungsgeschichten, die ich ihnen erzähle, nach ihrem Gusto in Ölmalerei auf Blech umsetzen: ein Joint Venture mit Kollegen der Volkskunst. Die Endymion-Werkgruppe dagegen ist ein Work in Progress aus Fotografien und Videos auf Lebenszeit. Ich fotografiere dafür seit 1999 in jedem Hotelzimmer, in das es mich auf der Welt verschlägt, den Filzmann wie er vor dem jeweiligen Ambiente im Bett liegt. Dazu drehe ich eine Videosequenz, die später auf 30 Sek. komprimiert wird, und keine andere Bewegung zeigt als lediglich den extrem beschleunigt abgespielten Atem der Figur. Ansonsten ist die Szenerie völlig regungslos. Jedes neue Hotelzimmer wird dann hintenan geschnitten, bis ich irgendwann tot umfalle und die Werkgruppe zwangsläufig beendet ist. Dieses Konzept rekurriert auf eine Figur aus der griechischen Antike: Endymion – ein hübscher Jüngling, der um seine Jugend und Schönheit zu erhalten von Zeus das Geschenk des ewigen Lebens erhielt, allerdings um den Preis, dieses Leben fortan im Zustand des Schlafs zu führen. Eine seltsam existenzielle Exposition, die mich gereizt hat: ewiges Leben, dabei jedoch zur Untätigkeit verdammt. Das seltsame Zimmer, das Sie beschrieben haben, ist ein preiswertes Motel für Truckfahrer in Sheridan, Wyoming, wo ich 2007 durchgereist bin. Mehr als eine Nacht sollte man dort neben Kühlschrank und Mikrowelle allerdings nicht verbringen. Nicht gerade ein kultureller Hotspot.

Endymion Wyoming

 

 

 

 

 

 

 

Endymion #69
Sheridan, Wyoming, USA, 2007

© Alexander Braun, Bildrechte: VG Bild

Alexander Braun: WienerWalden. Bonner Kunstpreis. Hrsg. v. Kunstmuseum Bonn
Mit Beiträgen von Stephan Berg, Dieter Schulz, Sven Drühl, Irene Kleinschmidt-Altpeter
224 Seiten mit 190 farbigen Abbildungen, Leinen. Köln: Salon Verlag 2010. ISBN 9783897703742 .

Advertisements