Essay / Quemada #2: Living Well is the Best Revenge

IKEA State of Mind

IKEA aufbauanleitung

Als wir nach London ziehen, lassen wir unsere Möbel in Deutschland. Die meisten englischen Wohnungen sind möbliert, außerdem sehnen wir uns nach freien Flächen. Nach England zu ziehen heißt auch, etwas Neues zu beginnen. Wir finden, dass dazu nicht nur die Dinge, die wir tun gehören, sondern auch die Dinge, die uns umgeben. Manches fehlt trotzdem: Wir brauchen ein Schlafsofa, Nachttischlampen zum Lesen im Bett und einige Geräte für die Küche. „Zum Glück gibt es IKEA“, sage ich.

Beim Warten auf den Shuttle Bus in Stonebridge Park lerne ich eine Österreicherin mit vermutlich indischem Nachnamen kennen. Sie ist in der Fashion Industry, sagt sie. Vorher hat sie in Berlin gelebt, doch Berlin hat ihr nicht gefallen. Berlin sei nicht so innovativ, wie die Berliner glaubten, zumindest nicht in der Mode, sagt sie. Sie schiebt ihre Sonnenbrille ins Haar. „Was brauchst du von IKEA?“, frage ich. „Nichts“, sagt sie. „Ich mag es einfach bei IKEA zu sein.“

Wir trennen uns auf dem IKEA Parkplatz. Die Österreicherin gibt mir zum Abschied ihre Visitenkarte. Ich verspreche mich zu melden und weiß schon, dass ich es nicht tun werde. Trotzdem sage ich: „bis bald!“ und fühle mich noch nicht einmal schlecht.

Der IKEA in Stonebridge Park sieht fast genauso aus wie der IKEA in Hofheim-Wallau. Auf dem Parkplatz stehen Gartenmöbel, in einer Holzbude kann man frische Waffeln mit Erdbeeren kaufen, dahinter führt ein Glasdrehkreuz in die Eingangshalle, wo auf einem Podest eine lange Tafel aufgebaut ist. Geschirr, Weingläser, Kerzenleuchter, Silberbesteck und Servietten stehen da als würde bald ein großes Familienfest beginnen. Nur die Familie fehlt. Links davon führt eine lange Rolltreppe hinauf zum Restaurant und zu den Ausstellungsflächen. Am Fuß der Rolltreppe kann man sich die gelben Tragetaschen mitnehmen, Bleistifte und einen IKEA Katalog, dahinter der Bällepool und eine Fernsehecke in der Petterson-und-Findus in Dauerschleife läuft und noch weiter hinten in einer langen Reihe die Kassen und die Lagerhallen. Ich könnte die Augen schließen und könnte immer weiter beschreiben, was ich sehe. IKEA ist wie eine Wohnung, in der ich lange gelebt habe.

Auch ich bin gerne bei IKEA. Die Welt, die hier präsentiert wird, ist so aufgeräumt und hell, dass eigentlich jeder, den ich kenne, gerne dort ist. So viele junge Paare! So viele schöne Dinge! So viel Zukunft! So ein gutes Leben! Im Laden braucht es nicht einmal die glücklich aussehenden Menschen aus dem Katalog, die lachenden Kinder und ihre Eltern, um all das zu vermitteln. Die Ausstellungsflächen sind aufgeräumt, die Möbel begehrenswert, so lange sie Teil des IKEA Kosmos bleiben. Doch wer mag IKEA Möbel noch, wenn sie in der eigenen Wohnung aufgestellt sind? Ein rollbarer Küchenwagen zum Beispiel ist in einem IKEA Vorführraum Teil einer perfekten Lösung für kleine Wohnungen. Alles ist in dieser Mini-Küche neu, das metallic Salatbesteck, die Gläser auf dem Bord an der Wand, die polierten Kacheln und der Induktionsherd. Es ist das Versprechen eines neuen, minimalistischen Lebens. Doch in Wirklichkeit sind unsere Küchen nicht so. In Wirklichkeit sind sie vollgestellt mit billigen Elektrogeräten. Die Arbeitsfläche muss immer erst leer geräumt werden, bevor dort Gemüse geschnitten werden kann. In der Spüle liegt meistens Geschirr und in der Obstschale eine überreife Banane, jedenfalls kein leuchtend-buntes Holzobst. Der rollbare Küchenwagen in unserer Wohnug hat nicht mehr viel mit dem Küchenwagen gemein, den wir im Laden gesehen haben. Das neununddreißig Euro teure Möbelstück, das trotzdem gut aussieht, gibt es nur bei IKEA. In unserem Alltag existiert es nicht.

Unsere Wohungen sind vollgeräumt mit Dingen, von denen wir einmal dachten, dass sie unser Leben bereichern würden und die uns letztlich nur den Wohnraum verstellen und den Gedanken keinen Raum lassen, sich frei zu bewegen. Teuer sind nicht die Möbel von IKEA, teuer ist der Raum, den wir mieten, um sie aufstellen zu können. Wir fahren zu IKEA, weil wir uns nach der Illusion eines guten Wohnens sehnen. Bei IKEA vergessen wir, wie klein unsere Wohnungen sind. Wir stellen uns ein Haus vor, das wir einrichten, wie die Räume, die wir bei IKEA sehen.

Auch ich denke nicht an unsere two bedroom flat in Nordwest London, als ich die Rolltreppe hinauffahre und an den ersten Schlafzimmern vorbeigehe. Ich denke an das gute Leben, in dem jeder Raum entlang des Gangs wie ein aufgeschnittenes Zimmer an einem langen Flur ist und ich stelle mir vor, wie es wäre, bei IKEA einzuziehen. Statt einer leeren Tasche hätte ich eine volle mitgebracht. Ich würde mir das schönste Zimmer aussuchen, meine Kleidung in den Schrank einräumen, meinen Pyjama unters Kopfkissen schieben. Abendessen im IKEA Family Restaurant mit Blick über den nun schon fast leeren Parkplatz, das Rauschen der Autobahnzubringer im Hintergrund und das Leuchten hinter den Fenstergläsern der Hochhäuser, wie im neuen deutschen Film. Später würde ich lesend in meinem IKEA-Zimmer sitzen, zwischen den Möbeln, die alle ein Preisschild als Halsband umgeschnallt tragen, zwischen den schwedischen Büchern und den Computer-Attrapen. Je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher sehe ich alles vor mir. Mit einem Camcorder dokumentiert könnte das Performance-Kunst sein: IKEA 24h.

Manchmal stelle ich mir vor, ich würde Kunst machen. Kunstprojekte gehören zu meiner Vision von einem guten Leben. In London gehen wir oft ins Museum, weil die meisten Museen kostenlos sind und weil dort die Werbedisplays, die City-Banker und der ganze Krach der Weltmetropole wenigstens vorübergehend ausgeblendet sind. In einem Museum zu sein ist fast wie in einem Park zu sein. Ohne Parks und Museen könnte man in London schwer überleben.

Einmal hat mein Freund die Idee gehabt, IKEA als Installation nachbauen. Der einzige Unterschied: Man würde dort nichts kaufen können. Es gäbe zwar all die Dinge, die es in jedem IKEA gibt, doch der Besucher ginge durch den Laden und betrachtete ihn als Kunst. Vielleicht bietet sich dieser Gedanke auch deshalb an, weil die Ausstellungsflächen von IKEA den Kult der Oberfläche zelebrieren. Was den Möbeln fehlt, ist die Tiefendimension. Niemand lebt hier, niemand gibt den Räumen eine Bedeutung die über ihre reine Materialität hinausginge, und zugleich verweisen die Möbel auf ein Ideal des Wohnens. Darin gleichen sie der Kunst, die im besten Fall unsere Erfahrungswirklichkeit verdichtet.

Die Serpentine Sackler Gallery in Kensington Gardens zeigt moderne Kunst, in der Regel Skulpturen oder Gemälde. Sie ist einer der Orte an die wir immer wieder zurückkehren. Der italienische Designer Martino Gamper hat dort Anfang 2014 eine Ausstellung mit dem Titel Design is a State of Mind kuratiert, die ich besucht habe. Zu sehen waren Designerregale. In den meisten lagen Gegenstände der Besitzer. Ich erinnere mich an eine Straußenfeder, an eine Roxy Music Platte und an Susan Sontags Roman Death Kit. Der Kontext bewirkt, dass die Dinge als Kunst angesehen werden, und nicht als vollgestellte Möbel. Während ich zwischen Hipstern, die sich mit ihren iPhones neben den Regalen fotografierten, und Kinder-Kunst-Workshops (How to Draw a Shelving System) hindurchbewegte, dachte ich an IKEA und daran, dass zwischen diesen Regalen kein BILLY Regal stand, obwohl BILLY vielleicht das berühmteste Regal überhaupt ist, zumindest in unserem Bekanntenkreis. Für einen bestimmten „State of Mind“ steht IKEA auch.

Hätte Andy Warhol im 21. Jahrhundert gelebt, vielleicht hätte er nicht über McDonald’s sondern über IKEA gesagt: „Das Schönste in Tokio ist IKEA, das Schönste in Stockholm ist IKEA, das Schönste in Florenz ist IKEA. Peking und Moskau haben noch nichts Schönes.“ Wenn Andy Warhol von der Schönheit einer McDonald’s Filiale spricht, bezieht er sich auf die Universalität ihres Designs. Egal ob man in Tokio oder Florenz einen Cheeseburger isst, das Inventar, die Beleuchtung, die Pappbecher, die Salztütchen und der Ketchup sind überall annähernd gleich. Selbst die Schrift auf den Packungen ist oft in verschiedenen Sprachen abgedruckt. Das ist auch bei IKEA so. IKEA Aufbauanleitungen kommen sogar fast ohne Text aus, als hätte jemand die Schriftzeichen ausradiert. Was bleibt ist ein universell verständliches, lachendes Strichmännchen, das uns auffordert, zusammen mit einem Freund die Möbel zu errichten. Dieses Strichmännchen hat weder eine Frisur noch trägt es Kleidung. Es kann nicht auf einen bestimmten kulturellen Kontext reduziert werden. Man könnte ihm einen Turban malen oder einen schwarzen Vollbart, wie die Männer in den Restaurants auf der Finchley Road sie tragen. Das IKEA-Männchen ist international. Es ist wie die Möbel selbst.

Zuhause schlitzen wir die Klebebänder an den braunen Pappkartons auf und finden ein immer gleiches Set bestehend aus: Baumaterial, Plastiktüten mit Muttern, Schrauben und Nägeln, und einer Aufbauanleitung auf der in fetten schwarzen Lettern der Name des von uns erstandenen Produkts steht. Im Internet finden sich hunderte Blogeinträge zur Bedeutung von IKEA-Produktnamen. Ob die Produktbezeichnung mit den schwedischen Namen für die Dinge übereinstimmen oder nicht, merken wir in Deutschland nur selten, denn die wenigsten von uns sprechen Schwedisch. Wir merken nicht, dass ein Rentierschaukelpferd mit dem Namen EKORRE auf Schwedisch eigentlich Eichhörnchen heißt. EKORRE ist für uns einfach das Rentierschaukelpferd von IKEA. Und nicht nur für uns, auch für Italiener, Amerikaner, Japaner und Briten.

Ob wir bei IKEA in Stonebridge Park, in Florenz oder in Hofheim-Wallau einkaufen, spielt kaum eine Rolle. Die Einkaufserfahrung unterscheidet sich nur geringfügig. Die Qualität ist überall gleich hoch, würde ein Firmenmanager jetzt vielleicht sagen. Wir kommen mit dem Auto oder mit dem Bus an. Selbst die Parkplätze sind austauschbar. Bestünde die ganze Welt nur aus IKEA und McDonald’s und H&M und Starbucks müssten wir nicht mehr verreisen, wir könnten einfach zu Hause bleiben und wären zugleich doch in Tokio, Stockholm und Florenz. Wenn wir bei IKEA sind, sind wir in der ganzen Welt und doch zu Hause. IKEA hat den gleichen Effekt auf uns wie ein internationaler Flughafen, nachdem wir durch ein fremdes Land gereist sind: Kaum betreten wir die Abflughalle, sehen wir die Departure- und Arrival-Tafeln, die abhebenden und landenden Maschinen auf der Rollbahn, und schon stellt sich das Gefühl ein, eigentlich längst wieder zu Hause zu sein.

Und in diesem Moment stelle ich mir vor, ich könnte tatsächlich bei IKEA übernachten. Wird bei IKEA irgendwann das Licht ausgeschaltet? Ich stelle mir den dunklen Laden vor und wie die Nachttischlampe in meinem Zimmer das einzige Licht ist, das noch brennt und vielleicht würde irgendwann ein Nachtwächter mit einer langen Stabtaschenlampe und einem Hund zwischen den Möbeln umhergehen und dann höre ich auf darüber nachzudenken und lade meine Einkaufstasche voll und suche ein Sofa aus und gebe unsere Adresse an und zahle und esse einen Hotdog und trinke eine Limonade und nehme den Shuttlebus zurück zur Tube Station und fahre nach Hause. Travel is a means to an end. Home, steht auf dem U-Bahn Plan. Darunter: IKEA.

Simone Schröder

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