Über Bücher / Essay

Fun, fun, fun auf der Autobahn

Capa de Os autonautas da cosmopista

Als wir kürzlich in einem Sommerhaus an der belgischen Küste Wes Andersons The Grand Budapest Hotel anschauten, und in einer der ersten Einstellungen am Bildrand das Heck eines VW T2 Camping-Van ins Bild ragte, riefen wir: „Ein Busschen!“ Seit einiger Zeit hat sich daraus ein Spiel entwickelt: Wer zuerst einen VW Bus sieht, schreit. Auf diesen Reflex hat auch ein Mann namens James Eppy gesetzt. Als im März 2014 in Südlondon sein VW Bus gestohlen wurde, stellte er eine Serie von Bildern des Autos, Baujahr 1969, auf seine Facebook Seite, versehen mit dem Aufruf, bei der Suche nach „Ursula“ zu helfen. Der Beitrag wurde in den folgenden Tagen über eine Million Mal geteilt, u.a. vom Pink Floyd Schlagzeuger Nick Mason und Travis-Frontmann Fran Healy. Eppy hat durch die Suchaktion seine sprichwörtlichen „15 Minutes of Fame“ erlebt. Ob Ursula inzwischen wieder aufgetaucht ist, wissen wir nicht.

Auch wir wünschen uns einen VW Bus zu besitzen, am liebsten einen T2. „Er soll aber noch gut fahren!“, sagt Sasha, als wir zu viert um den Laptop sitzen und uns durch die Angebote bei Autoscout 24 klicken. „Auf die Seitenflügel könnten wir ein Quemada-Logo drucken“, sagt David. Wir nicken. Der Quemada-Bus ist unsere Vision vom Kollektiv. Wir malen uns aus, wie wir zu viert über Frankreich nach Nord-Spanien, ins Baskenland fahren, wie wir im Bus schlafen und Crosby, Stills, Nash und Young oder die Fleet Foxes hören (von Kassette!) und Zigaretten rauchen. So wie in der Gauloises Werbung aus den 1990er Jahren, in der ein Mann auf der Schwelle eines Hauses sitzt und sagt „Heute mache ich mal was ich will: Nichts“. Das waren noch Zeiten.

Wir sind nicht die einzigen mit dieser Vision, stellen wir fest. Kein Auto wird so geliebt wie der VW Bus – das ist kein statistischer Befund, das ist unser subjektives Empfinden. Doch weil Vintage Camping Vans nicht nachgebaut werden, ist der Markt so begrenzt wie das Angebot erschwinglicher Altbauwohnungen in Berlin-Mitte. Wer sich heute einen VW Bus der ersten, zweiten oder dritten Generation kauft, muss dafür mindestens zehntausend Euro bezahlen, eher mehr. Ein gebrauchter Jaguar ist mitunter günstiger, doch natürlich geht es hier nicht nur um den Preis. Wer zehn- oder zwanzigtausend Euro für einen VW Bus bezahlt, bezahlt nicht vordergründig für den Camping-Van, er bezahlt nicht für die gepflegte Karosserie oder den niedrigen Kilometerzähler, sondern für seine Aura. Wir öffnen die Tür, wir drehen das Lenkrad, wir sehen das satte Gelb der Lackierung und in uns klingt eine Seite, die kein VW Golf je zum Klingen bringen wird.

Wir denken daran, wenn wir sehen, dass Kreditinstitutionen und Versicherungen VW Busse gerne in ihren Kampagnen herumfahren lassen. Ein VW Bus symbolisiert einen alternativen Lebensentwurf, ein Lebensgefühl, das auf die Spießigkeit des Bausparkredits abfärben soll. Er steht für „Flower Power“ und Unabhängigkeit, doch Dirk Nowitzki, der in einem solchen Clip mit einem polierten VW Bulli direkt auf den Strand rollt, repräsentiert einen neuen Typ des VW Bus Inhabers: Er ist Kultobjekt und Statussymbol einer erfolgreichen Schicht Gutverdienender, die sich den Anstrich von Individualisten geben. Die Werbung, die ja gerade dadurch funktioniert, dass wir Dirk Nowitzki erkennen und in ihm nicht nur einen beliebigen Typen in Shorts und Muscle-Tee sehen, offenbart dadurch, was mit Blick auf die Autoscout 24 Angebote ohnehin jedem klar ist: Der VW Bus ist ein Luxus-Item. Dirk Nowitzki könnte sich wahrscheinlich einen oder zwei kaufen, wenn er wollte.

In bestimmten Wohngegenden scheinen uns VW Busse geradezu den Gentrifizierungsgrad des Viertels anzuzeigen. Je mehr Busschen desto mehr Yuppies. Wenn wir mit Google Street View die Straßen in Kreuzberg, in Charlottenburg, im Prenzlauer Berg und in Mitte abfahren, fällt uns auf, dass die VW Bus-Dichte dort besonders hoch ist. Wir sehen die Busse nebeneinander stehen, während die Häuser ihrer Besitzer hinter milchigen Rechtecken verschwinden. Gegen Google und gegen Überwachung zu sein und einen VW Bus zu fahren, passen als politische Haltungen anscheinend gut zusammen.

Dass die Werbetexter der Agentur Jung von Matt sich, wie wir kürzlich gehört haben, einen Bus gekauft haben, ist der Schlusspunkt unter diesem Kapitel. Und wir? Haben das Gefühl, wieder einmal zu spät gekommen zu sein.

***

Wir kaufen keinen VW Bus, stattdessen bestellt David ein Rezensionsexemplar der Neuauflage von Die Autonauten auf der Kosmobahn, die gerade bei Suhrkamp erschienenen ist. „Darüber müssen wir schreiben“, sagt Jan. „Das ist ein irres Projekt gewesen.“

Cortázar busDie Autonauten auf der Kosmobahn erzählt davon, wie die kanadische Schriftstellerin Carol Dunlop (kein Witz!) und der argentinische Schriftsteller Julio Cortázar im Mai 1982 zu einem Roadtrip aufbrechen. Das Buch ist eine Mischung aus Entdeckerreisetagebuch, wie sie „früher die Forschungsreisenden“ schrieben, Essayistik und Ritterroman. Im Unterschied zu den wilden Fahrten kreuz und quer durch Amerika, die Jack Kerouac in On the Road, dem Urtext aller Roadnovels und einem unserer Lieblingsbücher, beschreibt, waren die Etappen vorher genau festgelegt. Die beiden hatten vor, alle dreiundsechzig Autobahnraststätten entlang der Strecke Paris-Marseille anzusteuern und auf jeder zweiten zu übernachten. Die Spielregeln lauteten: „zwischen Paris und Marseille die Autobahn nicht zu verlassen, und das Schreiben eines Buches“. Das Vorhaben erinnert uns an den Marsch auf Berlin, den unsere Freunde von Der untergehende Fisch aus Leipzig im Jahr 2010 unternahmen und an unsere eigenen Pläne, uns auf einen Roadtrip zu begeben, die wir in regelmäßigen Abständen aushecken und dann doch wieder aufschieben (um nicht zu sagen: zu verwerfen).

Am übernächsten Tag holen wir das Buch aus dem Briefkasten. Auf dem Cover ist ein Busschen zu sehen, ein T2, doch es fährt so blass über das rote Bibliothek Suhrkamp-Farbband wie ein Gespenster-Van aus einer anderen Zeit. Wir beginnen zu lesen.

„Diese parallele Autobahn, die wir suchen, existiert vielleicht nur in der Phantasie derer, die von ihr träumen; doch wenn es sie gibt (…), dann umfasst sie nicht nur einen anderen physischen Raum, sondern auch eine andere Zeit. Was werden wir als Kosmonauten der Autobahn nach Art der interplanetarisch Reisenden, die aus der Ferne das schnelle Altern derer beobachten, die weiterhin den Gesetzmäßigkeiten der irdischen Zeit unterworfen sind, entdecken, wenn wir nach so vielen Reisen mit Flugzeug, U-Bahn und Zug in den Rhythmus von Kamelen verfallen? (…) Autonauten der Kosmobahn, sagt Julio. Der andere Weg, der dennoch derselbe ist.“

Cortázar und Dunlop taufen ihren VW Bus auf den Namen „Fafnir“, nach dem Drachen aus der nordischen Mythologie. Zwischen den Einträgen ist der Bus auf Fotografien zu sehen, in allen möglichen Positionen, auf allen möglichen Rastplätzen. Das gefällt uns besonders gut. Einmal sitzt Cortázar mit schwarzem Vollbart und nacktem Oberkörper in einem Klappstuhl neben dem Bus. Wie das Rauschen des „Karibischen Meeres in Martinique oder Guadeloupe“ habe sich die Autobahn für sie mitunter angehört, schreiben die beiden.

„Bei geschlossenen Augen können die Äquivalenzen sogar beunruhigend sein. Wogen-Laster, Motoren-Brecher… Auf jeden Fall gibt es die gleichen Intervalle der Stille, das Näherkommen und das Crescendo bis zum neuerlichen Bersten, diese Diastole und Systole eines wogenden, atmenden, manchmal unerträglichen Klangvolumens, wie wir es an den Stränden von Martinique oder auf den Rastplätzen kennengelernt haben.“

„Cortázar sieht aus wie ein Hippie“, sagt Zoë. Und wir nicken. „Die Brille ist toll“, sagt Sasha. „Und die Klappstühle“, sagt David. In diesem Moment sind wir sicher, dass Cortázar nie in einer Werbung für ein Kreditinstitut aufgetreten wäre. Doch dann hat Cortázar auch nie Basketball in der NBA gespielt, überhaupt hat sich sein Leben hauptsächlich zwischen Frankreich und Argentinien, zwischen linkem Engagement und ästhetischer Innovation eingependelt. In seinem berühmtesten Roman, Rayuela, den man wie ein Himmel und Hölle Spiel in wilder Abfolge von Kapitel zu Kapitel springend lesen kann, kommt all das zusammen. Auch Die Autonauten auf der Kosmobahn kann man so lesen. Man kann darin blättern und sich die Fotografien des Camping-Vans ansehen, und die gezeichneten Karten französischer Rastplätze, die Carol Dunlops Sohn im Nachhinein, auf Basis von Beschreibungen der beiden angefertigt hat. Und man kann einzelne Logbuch-Einträge oder eingeschobene Essays lesen, die Überschriften tragen wie „Gärtner“, „Von Migrationen und Exodussen“, „Von den Metamorphosen des Traumes auf der Autobahn“ und „Der Rastplatz der Lerchen“. Am besten gefällt uns „Eine Vision vom Parkingland“ in der es nicht nur um die Ähnlichkeit zwischen Autobahnsound und Meeresrauschen geht, sondern auch darum, dass Kinder und Hunde Raststätten anders betreten als Erwachsene. Sie schnellen aus den parkenden Autos „wie bunte Sprungfedern“ und „rennen zwischen den Bäumen herum, erkunden das neue Reich“. Ob das immer noch so ist?, fragen wir uns.

Die Autonauten auf der Kosmobahn ist so eine Erkundung der Raststätten, als würden sie zum ersten Mal gesehen. Die Raststätte wird über ihren Status als Nicht-Ort, wie Marc Augé sie einmal genannt hat, weil dort keine wirkliche soziale Interaktion stattfindet, erhoben. Wir brausen so schnell wie möglich wieder aus ihnen hinaus. Doch Cortázar und Dunlop schauen sich auch die Tiere und Pflanzen in ihrer Umgebung genau an und vermerken, was sie vorgefunden haben, wie Naturforscher im späten 18. Jahrhundert, wie die Entdecker eines neuen Reiches: „Der Admiral suchte Indien und wir Marseille; er fand die Antillen und wir Parkingland. Denn dies ist ein Land, dessen Provinzen wir im Takt von zwei pro Tag erobern, indem wir unser rotes Fafnirsches Banner aufpflanzen, die notwendige kartographische Erfassung vornehmen, die Flora und Fauna überprüfen“.

Carol Dunlop hat das Erscheinen der spanischen Erstausgabe von Die Autonauten auf der Kosmobahn 1983 nicht mehr erlebt. Julio Cortázar starb ein Jahr später. In Folge einer Bluttransfusion hatte er sich mit dem HIV-Virus infiziert und seine Frau angesteckt. Am 26. August 2014 wäre Cortázar 100 Jahre alt geworden.

Sasha Petrova

Julio Cortázar/Carol Dunlop: Die Autonauten auf der Kosmobahn. Eine zeitlose Reise Paris–Marseille. Aus dem Spanischen von Wilfried Böhringer. Berlin: Suhrkamp 2014. 358 Seiten. 22,95 Euro

 

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