Über Musik / Notizen

Notizen # 7: Schwedenmatsch

StehlampeVor mir stand ein Typ, der aussah wie Matt Berninger, und schräg oben auf der Galerie des kleinen Konzertsaals stand eine Stehlampe, die aussah wie die, die meine Oma in ihrer alten Wohnung hatte. Mit den Troddeln, die unten von dem glockenförmigen Schirm baumelten, hatte ich oft gespielt, wenn ich auf dem schmutzig-gelben, geschwungenen Sofa, genannt “Banane”, saß. Das war vor langer Zeit, lange bevor ich anfing, auf Konzerte schwedischer Musiker zu gehen. Muße für solche Gedanken über das Leben an sich hatte ich an jenem Abend genug. Ich war mal wieder allein unterwegs, weil der Mensch, mit dem ich am liebsten Zeit verbringe, leider meinen Musikgeschmack nicht teilt, und der Mensch, der meinen Musikgeschmack teilt, viel zu weit weg wohnt, als dass ich viel Zeit mit ihm verbringen könnte. Als die schöne Schwedin anfing zu singen, fiel mir ein, dass es immer wieder heißt, in der Musikbranche verdiene heute keiner mehr sein Geld mit Tonträgern, sondern nur noch mit Konzertkarten. Ein Album kostete früher, als alles noch besser war, um die dreißig Mark und man konnte es hören (und hörte es), bis einem die Ohren abfielen, man es leid war oder, so erzählte mir damals jemand und ich war jung genug, es zu glauben, die CD nach zehn Jahren den Verfall zu Matsch vollzogen haben würde. Der Konzerteintritt hingegen hatte dreißig Euro gekostet, was ich mir eigentlich gar nicht leisten konnte, und was irgendwie verrückt war, weil es nach einer guten Stunde für immer vorbei war, die Ohren noch dran, ich war es nicht leid, und vom Verfall zu Matsch war ich nicht weniger weit entfernt als sonst auch. Immerhin war der Tonträger, den man im Vorraum erwerben konnte, mit zehn Euro deutlicher günstiger als “früher”, aber eben auch günstiger als das Konzert, für das ich ja nun auch schon Geld ausgegeben hatte. Ich kaufte ihn natürlich trotzdem und stellte ihn zu Hause zu den anderen CDs, die ich hin und wieder anstupse, um ihre Konsistenz zu testen. Den Kauf der CD verbuchte ich unter “politische Aktion”, denn wenn ich auch der schönen Schwedin mit meinem Konzertbesuch ganz allein das Abendessen finanziert hatte, musste ich doch dafür sorgen, dass sie und all den anderen Musiker überhaupt noch Alben machen und nicht einfach nur noch Konzerte geben. Ich freute mich sehr, als ich wenig später als Widerlegung meiner These zum ephemeren Charakter von Konzerten entdeckte, dass Matt Berningers kleiner Bruder Tom, der bis dahin bei seinen Eltern in Cincinnati gewohnt und Heavy Metal gehört hatte, mit The National auf Tour gegangen war, um einen Film darüber zu drehen.

Esther Widmann

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