Quemada #2: Living Well is the Best Revenge

Letzte Chance

defleppard-pyromaniaSie sind viel zu warm, diese letzten Tage vor dem großen Fest, in denen schreibend das Jahr erledigt wird. Es sollte kalt sein, es sollte schneien, wenn man darüber schreibt, welche Bücher, Platten, Filme in den vergangenen elfeinhalb Monaten eine große Rolle gespielt haben, persönlich oder im großen Ganzen. Also tun wir es nicht. Auch wenn zwei Bücher wirklich wichtig gewesen sind für uns. Die Monologe von Wolfram Lotz und Heike Geißlers Saisonarbeit, ein langer autobiographischer Essay über ihre Zeit als Packerin im Amazon Versandlager bei Leipzig. Beide Bücher sind bei spectorbooks erschienen und man kann sie sogar bei Amazon kaufen, obwohl man das nicht sollte. Man sollte sie woanders kaufen und verschenken.

Das ist der Moment, um innezuhalten. Habt Ihr schon alle Geschenke, für alle Eltern, Freunde, Kollegen? Hier ist Eure letzte Chance, sagen die E-mails, die uns die Redaktionen von großartigen Zeitschriften schicken, aus New York, aus Leipzig, aus Chicago, aus Wien, aus London. Die letzte Chance auf ein Geschenk-Abonnement zum Vorzugspreis. Noch eine letzte Chance, auf ein QUEMADA-Geschenk-Abo? Leider nicht.

Es hat gebrannt.

Natürlich, jetzt sagen viele: Und weiter? Der Name unserer Zeitschrift ist schließlich Programm. Aber als wir uns nach der großen Pleite und der verhinderten ersten Ausgabe entschieden, ohne Verlag ein zweites, erstes Heft von QUEMADA herauszubringen, hätten wir wirklich nicht erwartet, dass die Geschichte so weitergehen würden. So, das heißt erst Mal, dass wir, fragt nicht wie, Geld auftreiben mussten. Dass wir uns bei unseren Autoren, Übersetzern, Fotografen und der ganzen Welt entschuldigen mussten als sei das alles unsere Schuld allein. Dass wir dessen ungeachtet von vorne anfingen, ein neues Pilotheft planten, mit großartigen Texten und Bildern, und mehr Geld auftreiben mussten, fragt nicht wie, und ein Layout erfanden und schließlich das Typoskript an eine tschechische Druckerei schickten, wo 1000 Hefte von QUEMADA #2 Living Well Is The Best Revenge gedruckt und gebunden wurden. Das war im Sommer. Danach hörten wir lange nichts und dann rief uns jemand an und sagte: „Es hat gebrannt.“ –„ Gebrannt?“ – „Ja. Brandschaden, Löschwasserschaden, noch schlimmer.“ – „Und unsere Zeitschrift?“ – „Verbrannt.“ – „Wirklich? Die ganze Auflage?“ – „Ja.“

Da dachten wir daran, dass der Blitz zwar im Volksmund nie zweimal einschlägt, aber dass ein Gewitter und die Wirklichkeit keine Rücksicht nehmen auf den Volksmund. Wir dachten an Malaysia Airlines und fühlten uns mies, weil wir in Selbstmitleid versanken, wo uns doch nur ein paar Hefte verbrannt waren, und wir dachten an DEF LEPPARD, mit denen wir im Grunde auch nicht so viel gemeinsam haben, außer ein paar Erinnerungen an die 1980er Jahre und vermutlich ähnlichen Ansichten über die landläufige Weisheit über Blitzeinschläge (nachzulesen in den Liner notes zum Album Adrenalyze):

„As we sit here and reflect on the last three and a half years, one thing is certain: nothing, NOTHING is ever certain. Now we know that all of you reading this have experienced hardships and we’re sure our story is not much different from what has happened to any of you. But the crucial difference here is that it happened to us TWICE! […] AND, we’ve learned two very important lessons: 1) Don’t take things too seriously, and 2) Never make plans, because in Def Leppard (as in life)

SHIT ALWAYS HAPPENS!”

Ich schreibe das mit Blick auf eine hohe, kranke Tanne, die gefällt werden sollte. An dem Tag, an dem die Männer von der Gartenbaufirma ankamen mit ihrem Gelenksteiger, mit ihren Seilen und Gurten und Sägen, regnete es so heftig, dass ans Holzfällen nicht zu denken war. Sie fuhren wieder ab. Ist das eine gute Nachricht? Wir werden den Baum schmücken. Frohe Weihnachten.

David Krieger

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