Essay / Photography

Craving for Crap: Costa Rica importiert den American Way of Life. VON KATHARINA TJART

Katharina Tjart hat für ein halbes Jahr in in San José, in Costa Rica gelebt. Dort hat sie bei Earth Charter hospitiert, einer Initiative für “sustainable development”. Für Quemada hat sie eine Fotoreportage verfasst, die dem Image vom paradiesisch grünen und zugleich ökologisch-fairen Reiseziel eine zweite Perspektive zur Seite stellt: Sie dokumentiert neben der Sehnsucht nach dem American Way of Life vor allem eins: Crap, kopierte Ideale und Korruption.

Tjart Crap-8Peaceful Soul of Central America, tropical paradise, outstanding destination year around – solche Beschreibungen findet man, wenn man auf Websuche nach Costa Rica geht. Die schönsten Ziele für Eco-Tourismus, eine größere Artenvielfalt als in der EU und den USA zusammen, und die glücklichsten Menschen der Welt – zum dritten Jahr in Folge – soll es da geben.

Der Lonely Planet liefert eine Beschreibung der Superlative:

„With a world-class infrastructure, visionary sustainability initiatives and no standing army, Costa Rica is the green, peaceful jewel of the region.“

Alle, die denken, das klingt zu schön, um wahr zu sein, haben Recht. So ist Costa Rica nicht – oder wenn, dann nur sehr begrenzt. Grün, nachhaltig und authentisch ist das wenigste. Der Rest ist eine billige Kopie der US-Kultur. Im Zentrum von San José wimmelt es wie in einem Ameisenhaufen: Menschen und Autos kreuz und quer, dicht an dicht; Geschäft an Geschäft, Straßenhändler Schulter an Schulter, endlose Staus und Gehupe. Simkarten, Strumpfhosen, Süßigkeiten und Lottoscheine werden lauthals angepriesen; zwischendrin Bettler, die mit dem Geldbecher auf den Boden klopfen und die Hände ausstrecken.

McDonald’s und KFC sieht man überall auf der Avenida Central, der zentralen Fußgängerzone. Adidas und Nike gibt es auch, H&M und Zara nicht, aber vergleichbare amerikanische Marken zur Genüge.

Einen Block nördlich der Avenida Central geht es etwas wilder zu. Man trifft mehr Straßenhändler, einige auch mit Obst und Gemüse. Elektrohändler, Discount-Supermärkte und Allzweckläden säumen die schmalen Bürgersteige. Es wird lauter gebrüllt, um zu verkaufen, lauter gehupt, um vorbei zu fahren, lauter gepfiffen, um ins Gespräch zu kommen. Obst, Gemüse und Hehlerware wird aus Pappkisten und Einkaufswagen verkauft; kommt die Polizei vorbei, wird alles, was man tragen oder schieben kann, gepackt und sich aus dem Staub gemacht.

Die Struktur der Stadt gleicht der New York Citys: „Avenidas“ führen von Westen nach Osten, und „Calles“ von Norden nach Süden, meist in Einbahnstraßen. Als einziger natürlicher Straßenverlauf könnte Paseo de Las Damas durchgehen, der eine Kurve im East End Barrio Escalante macht.

Kolonialbauten gibt es kaum, und viele von denen, die noch stehen, beherbergen Frisörsalons oder Erotikläden.

Charme hat San José nicht so viel, Kultur auch nicht. Muss es wohl auch nicht haben. Die Stadt ist künstlich angelegt, scheint primär als Absatzmarkt zu dienen für amerikanische „By-products“ und abgenutzte Trends, die zuhause längst ausgedient haben.

Ungleiche Brüderschaft

Franklin, ein 65-jähriger Jamaika-stämmiger Tico, wie sich die Costa Ricaner selbst nennen, beschreibt die Beziehungen zwischen dem Land und den USA sehr einfach: „It’s terrible!“ Als studierter Ökonom [mit Abschluss aus Boston…] erkennt er ein wirtschaftliches Ungleichgewicht, das seinen Nationalstolz anzugreifen scheint. „Das ist keine Beziehung, das ist nur dreckige Ausbeutung! Wir bringen denen das Beste aus unserem Land: Bananen und Kaffee; und die überfluten uns mit ihrem ganzen Schrott!“ Er spricht laut, holt weit mit den Armen aus und klingt sauer.

Ganz so einseitig sieht Franklin die Sache dennoch nicht. „Aber die jungen Ticos wollen es ja so! Die reißen sich regelrecht um den ganzen Ramsch!

They are craving for the crap they dump on us!“

Von einer „billigen Kopie“ kann aber wohl trotzdem nicht die Rede sein: Mit einem Durchschnittseinkommen von ca. $850 (ca. 800€; Worldbank, 2014) ist der American Dream für die meisten Ticos weit über dem Budget.

Schuld daran sei eine veraltete Haushaltspolitik, erklärt Franklin: Alle Importe werden hoch besteuert – angeblich, um die lokale Wirtschaft zu stimulieren. Blöd nur, dass es oft keine günstigen nationalen Alternativen zu den teuren ausländischen Sachen gibt. Und so kostet eine Flasche importiertes Shampoo umgerechnet 3,70€, 100g Schokolade 2,80€ und Tampons 4,70€ – für 10 Stück.

Im krassen Gegensatz dazu gibt es den Führerschein für umgerechnet 10€. Fahrschulen, Pflichtstunden und Theorieunterricht gibt es nicht. Die 28-jährige Karol Pereira Carmona, eine Bürokauffrau aus San José, übt zurzeit mit ihrem Schwager für die Fahrprüfung. Sie wäre bereit, mehr für den Lappen zu zahlen, wenn dafür nur ausgebildete Fahrer auf die Straße gelassen würden. „Die Straßen verfallen, und die Fahrer machen, was sie wollen. Da könnte man sich den Führerschein eigentlich ganz sparen!“ schimpft sie.

Eine nachgiebige Anschnallpflicht, fehlende Bahnschranken und undeutliche Markierungen tragen ihren Teil zur Verkehrsunsicherheit bei. Karol ist nicht ängstlich, nur frustriert. „Man fährt hier auf gut Glück. Jeder passt ein bisschen auf, und man vertraut auf Gott. Das muss reichen“ sagt sie resigniert.

Exporte ohne Autobahn

Auch Franklin kritisiert, was Touristen als „world-class infrastructure“ verkauft wird. Er erzählt vom Hafen in Limón, über welchen Exporte von Bananen, Ananas und Kaffee im Wert von $3,7 Milliarden jährlich abgewickelt werden. 2008 wurde eine „vierspurige Autobahn“ versprochen, für die Investitionen von $72 Millionen bereitgestellt wurden. Von der Autobahn sei noch nichts zu sehen, das Geld sei trotzdem weg – und die Investoren auch. Welche Autobahn gibt es denn heute zum Hafen, wenn eine vierspurige erst noch erbaut werden muss? „Ha! Na keine!“

Tatsächlich schleppen sich Trucks von den Plantagen im Central Valley zum Hafen auf zweispurigen Landstraßen quer durch das Land. Daneben Holzhütten, kleine Ortschaften oder dichter Regenwald. Container werden auf umzäunten Abstellplätzen gestapelt, deren Auffahrt nicht mehr als ein sandiger Vorplatz ist. Nur Aufschriften wie Hamburg Süd verraten, um welche Dimensionen von Geschäft es sich handelt.

Generell lässt sich ein Entwicklungsdefizit zwischen der Atlantikküste im Osten Costa Ricas und der Westküste am Pazifik erkennen. Während die westlichen Regionen touristisch lückenlos erschlossen sind, sich als Surfer-, Yoga- und Familienparadies präsentieren und von Backpacking bis Luxus-Ressort alles bieten, leben im Osten des Landes viele mit unzureichendem Zugang zu Bildung und selbst ohne Trinkwasseranschluss.

Franklin sieht die Ursachen dafür in Korruption, Vetternwirtschaft und Rassismus. „Den reichen Weißen gehören die Ländereien in Guanacaste und Puntarenas [westliche Provinzen mit den beliebtesten Urlaubsorten]. Und dieselben reichen Weißen besetzen auch die öffentlichen Ämter. Und wenn nicht sie selbst, dann ihre Onkels, Cousins oder Schwiegervätern… So bleibt das ganze Geld wenigstens in der Familie“ erklärt er.

Franklins Zynismus wird stärker, je länger er sich mit der Wirtschaft seines Landes beschäftigt. „Wirtschaftsexperten haben die bei dieser Happiest-people-in-the-world-Studie sicher ausgelassen!“ sagt er.

Die 29-jährige Jura-Studentin Gloriana Lara aus Escazú fasst die Missstände im Haushalt Costa Ricas in einem Satz zusammen:

„Bei uns verdient der öffentliche Dienst mehr als die Privatwirtschaft.“

Gloriana klingt darüber abwechselnd wütend und resigniert. Gerade unter Jüngeren würden so die kritischen Merkmale einer misslingenden Wirtschaft noch angefeuert statt bekämpft, schlussfolgert sie. „Jeder will in ein öffentliches Amt, um möglichst viel einzustreichen. Studieren, selbstständig sein oder ein Handwerk erlernen will keiner.“

Tatsächlich erkennt man kaum Zeichen von Investitionen, Entwicklung und Entrepreneurship im ganzen Land. „Das lohnt sich hier ja auch nicht“, seufzt Gloriana. Das einzige, womit man sich selbstständig mache, seien die Sodas, kleine Imbisse mit traditionellen Gerichten. „Und selbst da gibt es dann immer das gleiche: Reis mit Bohnen, haha!“ sagt Gloriana halb scherzhaft.

Studentenleben – nach Feierabend vom Büro

Karols Schwester Katherine Pereira Carmona studiert Physiotherapie an der Universidad Americana in San José. Wie auch Gloriana ist die 24-jährige neben dem Studium vollzeitberufstätig, um die Studiengebühren zu zahlen. Staatliche Unterstützung gibt es nur in Form von Krediten zu hohen Zinssätzen, und so entscheiden sich die meisten, die weiterführende Bildung wählen, für einen Vollzeit-Job tagsüber und Vorlesungen abends und am Wochenende.

Seit eineinhalb Jahren ist Katherine in einer offenen Beziehung. Ihren Freund sieht sie alle zwei bis drei Wochen; mehr Zeit hat sie oft nicht. Und beide wollen sich wohl auch nicht festlegen, sagt sie. „Ich mag ihn schon. Aber ich will auf eigenen Beinen stehen und mich nicht gleich binden“ erklärt sie, wenn man sie nach ihren Zukunftsplänen zusammen fragt.

Das freie Beziehungsmodell gewinnt Katherine zufolge stark an Popularität unter jungen Erwachsenen: Frauen seien selbstbewusst und eigenständig, und verlassen sich nicht mehr auf den Mann als „Versorger“; sie selbst nicht ausgenommen.

Trotzdem versucht Katherine, das neue Selbstverständnis ihrer Generation kritisch zu betrachten: „Das passt noch nicht richtig zu unserer Kultur. Das traditionelle Bild von Familie überwiegt schon noch.“

Problematisch wird es vor allem, wenn die neue Freizügigkeit auf Jugendliche trifft. Katherine berichtet von mehreren Altersgenossinnen ihrer 14-jährigen Schwester, die die Schule unterbrachen, um Kinder zu gebären. Die minderjährigen Mütter wohnen bei ihren Eltern. Damit sie weiter zur Schule gehen können, wird die Kindererziehung der Oma überlassen, die ihren Beruf erneut aufgeben muss, um für die wachsende Familie zu sorgen. Unterhalt, Sozialhilfe und Kindergeld sind Fehlanzeige oder marginal, und so hängen dann drei Generationen am Einkommen des Vaters und Opas.

Das gleiche kann einem nun auch in europäischen und nordamerikanischen Ländern begegnen. Für Franklin gibt es dennoch einen bedeutenden Unterschied im Umgang mit gesellschaftlichen Umbrüchen, wie dem verwandelten Familienbild: „Während sich solch neue Ideale bei euch [Europa und USA] durch Bewegungen über Generationen entwickelten, werden sie bei uns einfach importiert wie Kleidungsstücke.“

Sein Zynismus ist nun einem besorgten Unterton gewichen. Er schaut konzentriert in die Luft, als er den weiteren Zusammenhang analysiert. „Dass sich eine Generation von der anderen unterscheidet, ist wohl normal“, sagt er schließlich. „Doch wirtschaftliche und staatliche Leistungen müssen sich im gleichen Maße entwickeln. Patchwork-Familien und ‚Friends with Benefits‘ kann man haben, aber dann gibt es keine Unterstützung für ‚Single Mums‘…?“

Die Verlockung des großen Geldes?

Was macht die Ticos überhaupt erst anfällig für solche importierten Ideale – Ideale, die nicht zur Bevölkerung passen, und die sich die Regierung nicht leisten kann?

Das Marketing der US-Konzerne wahrscheinlich. Man kreiert Nachfrage nach dem amerikanischen Lifestyle, und erschafft so seinen eigenen Absatzmarkt. Auch, wenn das Land noch so klein ist: Ein Plus an Kundschaft von ca. 5 Millionen macht wohl was aus. Erst recht, wenn man ihnen seine Restware andrehen kann.

Und warum lässt sich die Bevölkerung solche Flöhe ins Ohr setzen? Weil es wohl schon immer so war, und man keine Alternativen kennt. Eine nationale Identität gibt es nicht wirklich, so aufgeregt wie Franklin verfolgen die Wenigsten das Schicksal ihres Landes; für Politik interessieren sich die meisten nicht, oder sie haben keine Zeit sie zu verfolgen; die weite Welt sehen wollen viele mal, aber kaum einer hat Geld, um den Traum zu verwirklichen.

Für die Politik scheint das Ganze ein guter Deal zu sein: Man kurbelt die Geschäfte für amerikanische Unternehmen an, und als Gegenleistung bleibt Costa Rica friedlich. Durch die Importsteuern verdient man ja auch; ohne Armee und mitten im Drogenschmuggelkorridor zwischen Kolumbien und Mexiko kann man eine schützende Hand gut gebrauchen. Außerdem zeigt die politische Geschichte Lateinamerikas keine besonders guten Tendenzen für US-kritische Regierungen. Und so werden wohl der Verlust der eigenen Kultur, niedrige Lebensstandards und geringe soziale Aufstiegschancen als guter Preis gesehen, den die Bevölkerung dafür einfach zahlen muss.

Franklin schaut weiter konzentriert in die Luft. „Wie sieht es denn bei dir aus?“, fügt er noch hinzu. Der Unterton ist nicht mehr besorgt, sondern prüfend; der Blick ist ein direkter Augenkontakt, fast konfrontierend. „Mein jüngster Sohn ist noch unverheiratet, weißt du…“ Der Blick ist sofort sanfter, er lacht laut und natürlich, krümmt sich sogar vor Lachen. „Der verlässt dich niemals! Dafür sorg ich dann schon! HAHAHA!“

Das muss man den Ticos lassen: Viele scheinen sich schon im Klaren zu sein, dass der Wohlstand auf ihre Kosten ungleich verteilt wird, aber sie lassen sich den Spaß davon nicht verderben. Man redet laut, lacht noch lauter, geht tanzen und macht Witze über sich selbst.

Pura Vida heißt das Lebensmotto, davon steht auch was im Lonely Planet. Das ist an der Wirklichkeit weit näher dran, als green, peaceful, visionary und world-class.

Katharina Tjart

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