Essay

Archetypen 2015

Papierarche 2

„…Alles, was auf Erden ist, soll untergehen. Aber mit dir will ich meinen Bund aufrichten, und du sollst in die Arche gehen mit deinen Söhnen, mit deiner Frau und mit den Frauen deiner Söhne.“ (GENESIS, 1. Buch Mose 6,17-6,18)

Solange wir zurückdenken können, gehört die Geschichte von Noah und seiner Arche zum Standardrepertoire von Kindergottesdiensten, weil darin Tiere vorkommen, eine Flut und eine weiße Taube, das Symbol der Hoffnung. Dabei ist es auch eine Geschichte der Strafe, des Untergangs, des Massensterbens und der Errettung einiger weniger Auserwählter. Wenn man darüber nachdenkt, ist es sogar eine ziemlich brutale Geschichte. Nicht so brutal wie ein Tarantino Western vielleicht, aber fast.

Es ist die Woche nach Weihnachten, in den Nachrichten wird das vergangene Jahr abgewickelt mit Bildern von überfüllten Flüchtlingsbooten und schwarz vermummten Gotteskriegern, die aussehen wie moderne Piraten. Unser dreijähriger Neffe spielt auf dem Küchenboden mit seinen Weihnachtsgeschenken, während wir um den Tisch sitzen und versuchen, uns zu unterhalten. Er räumt verschiedene Playmobiltiere in ein Schiff, bis an Bord kein Platz mehr ist, dann räumt seine kleine Schwester die Tiere wieder aus. Auf der Pappschachtel, aus der diese Dinge kommen, und die nun in einer Ecke auf dem Boden liegt, ist ein lachender, blonder Junge in himmelblauem T-Shirt zu sehen. Er hält einen Elefanten in der Hand, gleich wird er ihn auf die Arche setzen. Dieser Junge könnte unser Neffe sein oder ein anderer kleiner Junge. Er könnte selbst Noah heißen.

In den letzten fünf Jahren haben so viele Menschen wie nie zuvor in Deutschland ihr Kind auf den Namen Noah getauft. Noah ist seitdem ständig in den Top 10 der Namencharts. Wenn wir einen kleinen Jungen auf der Straße sehen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er Noah heißt, zumindest höher als Claudius oder Herbert. An diesem Weihnachten ist dadurch die Wahrscheinlichkeit so hoch wie nie, dass ein Junge, der Noah heißt mit einer Playmobil Arche Noah spielt.

Die zu Weihnachten verschenkte Arche unserer Nichte und unseres Neffen ist von Playmobil 1-2-3. Das heißt die Spielfiguren haben weichere Kanten und können ihre Arme und Beine nicht bewegen, sie sind für Kleinkinder gemacht. Nirgendwo auf der Verpackung wird der Name „Arche Noah“ erwähnt. Dieses Spielzeug entspringt zwar dem Erzählinventar des Alten Testaments – das Story-Template ist sozusagen im Inhalt der Schachtel angelegt – aber es soll auch von Eltern gekauft werden, die ihre Kinder nicht christlich erziehen. Für sie ist es, stellen wir uns vor, dann einfach ein Schiff, das man mit Tieren beladen kann: vielleicht eine zoologische Forschungsexpedition oder eine Safarikreuzfahrt.

Während der Vater eine Flasche Grand Cru entkorkt, fragen wir uns, wie die Frau von Noah heißt. Wenn Erwachsene mit Kindern spielen, erzählen sie ihnen Geschichten. Sie sagen: Das ist Noah, er musste sich und seiner Familie ein Boot bauen. „Und wer ist das?“, fragen die Kinder. Und jetzt wissen wir, dass es aus genderbewusster Perspektive ganz schlecht wäre zu sagen: „Das ist Noahs Frau.“ Also sagen wir: „Das ist Sarah.“ Oder: „Das ist Rahel“, weil Frauen in der Bibel üblicherweise so heißen. Später klappen wir unseren Laptop auf und googeln: „Wie heißt eigentlich Noahs Frau?“ Wir gelangen in ein Forum (Rund-ums-Baby.de) und lesen:

Frage von Rosinchen78  –  03.08.2011

Hallo,

wir haben von Playmobil 123 die Arche. Da ist auch Noahs Frau dabei, aber keiner weiß wie die damals geheißen hat. Weiß das hier zufällig jemand? Ich glaub fast, dass in der Bibel der Name seiner Frau gar nicht erwähn wird?

LG Rosinchen

P.S.: “Frau Noah” heißt sie glaub [ich] nicht.

Jemand antwortet, in der mündlichen, jüdischen Überlieferung sei der Name „Naamah“ erwähnt. Jemand anderes schreibt: „lange nicht gelesen“. Eine dritte Person zählt die Namen der drei Söhne auf „Sem, Ham und Jafet“.

Als wir vor dem Schlafen im Radio die Mitternachtsnachrichten hören, wird von den Hochwassern in Nordengland rund um die Stadt York berichtet. Das rettende Boot, die Arche, vielleicht verkauft sich dieses Spielzeug in unserer Zeit auch deshalb so gut, weil wir unseren Kindern wünschen, dass sie zu den wenigen Erretteten gehören werden. Wir nennen sie Noah, weil sie Noah sein sollen, weil wir hoffen, dass für sie schon irgendwie alles gut gehen wird.

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